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Erziehungsstress vor laufender Kamera

07. September 2004

Dass Erwachsene in diversen Sendungen alles mögliche mit sich machen lassen, ist nichts Neues. Kakerlakenbad oder Fettabsaugung vor laufender Kamera, es gibt nichts mehr, was es nicht gibt. In den Sendungen "Die Supernanny" (RTL) und "Die Supermamas" (RTL 2) werden jetzt erstmals verhaltensauffällige Kinder im Rampenlicht der Reality-Shows dramaturgisch ausgeschlachtet. In "Die Supernanny" quartiert sich eine Diplom-Pädagogin für zwei Wochen bei Familien mit "Problemkindern" ein. Ziel des Unternehmens: Den Nachwuchs wieder zur Raison zu bringen. Bei den "Supermamas" ist das Prinzip das gleiche. So stand in der Sendung vom 7.10.2004 eine wahre "Psychoqueen" (Kommentar aus dem Off) im Mittelpunkt: Die vierjährige Lisa brüllt, wenn sie ins Bett gehen soll, Lisa brüllt, wenn sie sich nicht zum x-ten Mal umziehen darf, Lisa brüllt einfach immer, wenn ihr etwas nicht passt. Die Eltern fühlen sich überfordert, hoffen auf die Hilfe von "Supermama" Aicha. Diese weist die Eltern an, mit fester, resoluter Stimme Regeln vorzugeben, standhaft und vor allem konsequent zu sein. Auch "die Supernanny" setzt auf Konsequenz: Sie bläut den Eltern ein, den Sohnemann bei Verfehlungen in ein sogenanntes Ruhezimmer zu schließen. Ganz abgesehen von Sinn oder Unsinn solcher Maßnahmen: Dass die Kinder in ihren Ausbrüchen vor die Kamera gezerrt werden, um die Schaulust der Zuschauer zu befriedigen, ist empörend. Dass weder die sogenannten Fachleute noch die Eltern ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen und die Mädchen und Jungen vor dem medialen Ausverkauf schützen, ist ebenso empörend. Bei Erwachsenen, die sich im Fernsehen produzieren, kann man eventuell noch das Argument anbringen, dass sie sich dem Medienzirkus freiwillig ausliefern, bei Kindern ist es völlig absurd. Auch die pädagogische Herangehensweise insbesondere der "Supernanny" wirft Fragen auf: So zum Beispiel, ob Schuldzuweisungen und eine gnadenlose Abwertung der Eltern in kritischen Familiensituationen hilfreich sind? Oder, ob Pädagogik als bloße Anwendung von Regeln und Patentrezepten funktioniert? Dass es einen großen Bedarf an fachlich-kompetenter Erziehungsberatung gibt, ist unbestritten. Statt fachlicher Beratung setzen Sendungen wie "Die Supernanny" jedoch auf die spektakuläre Inszenierung der "Psychoqueens" und "Satansbraten". Statt umsetzbarer Informationen für zusehende Eltern steht der Voyeurismus im Vordergrund, das Privatleben der betroffenen Familien wird der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen. Wer Unterstützung bei Erziehungsfragen sucht, sollte sich besser an lokale Erziehungsberatungsstellen der Kommunen, Wohlfahrtsverbände oder an pro familia wenden. Unter www.bke.de findet sich ein praktisches Verzeichnis von Erziehungs- und Familienberatungsstellen, Adressen, Online-Beratungsangeboten usw. Eine ebenfalls nützliche Adresse für Ratsuchende ist www.familienhan dbuch.de.

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