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Von innen betrachtet - Kinder versetzen sich in die Fernsehfiguren

19. Juli 2015

„Sie war traurig, dass die anderen gedacht haben, sie wäre überhaupt nicht mutig“, erzählt Svenja (8) zu einer Episode aus der Zeichentrickserie Lilo & Stitch. Svenja kann sich vorstellen und erklären, was in Lilo vor sich geht, als diese von den anderen Mädchen als Angsthase bezeichnet wird und es nun allen beweisen will, dass sie das nicht ist.

Von der Ich-Perspektive ...

Sich in die Fernsehfiguren hineinversetzen, um deren Gedanken und Gefühle nachzuvollziehen, das fordert von Kindern viel Vorstellungskraft und ein ganz eigenes Verstehen. Dazu gehört zunächst das Wissen, dass andere Menschen die Welt anders sehen können als sie selbst. Für kleine Kinder ist diese Vorstellung nicht selbstverständlich. Ihr Denken ist noch ich-bezogen und so nehmen sie alles um sich herum aus ihrer Perspektive wahr. Wenn ich gerne mit dem Bagger spiele, wird sich auch das Geburtstagskind über einen Bagger freuen. Durchaus empfinden sie so etwas wie Mitgefühl. Sie trösten ein anderes Kind, wenn es nach seiner Mama weint. Und sie lassen sich vom Jauchzen und Lachen ihrer Fernsehlieblinge anstecken, wenn diese gerade ausgelassen rumtollen. Es sind Erlebnisse, die ihnen selbst vertraut sind.

... zum Perspektivwechsel

Mit etwa vier Jahren verfügen Kinder allmählich über die geistigen Fähigkeiten und die soziale Kompetenz, um die Gedanken anderer Menschen zu erahnen. Jetzt können sie zum Beispiel Bonbons so verstecken, dass die Mama sie nicht gleich entdeckt. Genauso, wie sie jetzt mit bedenken können, über welches Geschenk sich das Geburtstagskind wohl freuen wird.

Ums Verstecken geht es auch in den Spiel-Experimenten, mit denen Forscher herausfinden, ob Kinder die Sicht eines anderen nachvollziehen können. Zum Beispiel mit einer Bildergeschichte, wie sie auch als Episode in der Sesamstraße vorkommen könnte:

Ernie hat eine Tafel Schokolade. Die legt er in die Tischschublade, denn später möchte er davon ein Stück essen. Während er draußen ist, räumt Bert die Schokolade in den Küchenschrank. Er verlässt den Raum. Kurz darauf kehrt Ernie zurück. Wo wird er die Schokolade wohl suchen?

Noch mit drei Jahren wären Kinder bei dieser Frage ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass Ernie das gleiche Wissen hat wie sie, er deshalb in den Küchenschrank gucken wird. Jetzt aber gelingt es ihnen, die Perspektive zu wechseln und sich anstelle von Ernie zu versetzen. Sie können nun berücksichtigen, dass er ja nicht sehen konnte, wie Bert die Schokolade versteckt hat. Er wird also glauben, die Schokolade sei noch dort, wohin er sie gelegt hatte: in der Schublade.

Die Figurenwahrnehmung verändert sich

Wenn Kinder beginnen, sich in die Gedankenwelt eines Gegenübers zu begeben, nehmen sie auch das Handeln und Erleben der Fernsehfiguren anders wahr. Nun können sie zum Beispiel verstehen, warum jemand überrascht oder empört reagiert, wenn ihm ein Streich gespielt oder er überlistet wurde. So wie Ernie überrascht reagiert, während Bert sich ins Fäustchen lacht. An solch witzigem Treiben finden Kindergartenkinder von nun an großes Vergnügen. Wie sie auch mitfiebern, wenn jemand droht, in eine brenzlige Lage zu geraten, die sie, die Wissenden vor dem Bildschirm, bereits vorausahnen. Vorausgesetzt natürlich, Tempo und Dramaturgie der Sendungen kommen ihrer Auffassungsgabe entgegen.

Die Vorliebe für komplexe Charaktere wächst mit

In einem langen Entwicklungsprozess verfeinern Kinder ihr Vermögen, die Sicht anderer einzunehmen, und damit verfeinern sie ihren Blick für die Innenwelten der Heldinnen und Helden. Die Kinder durchschauen Absichten, erschließen sich Gedankengänge und Empfindungen, erfassen Wünsche, Erwartungen und Motive. Vor diesem Hintergrund bewerten sie das Auftreten der Akteure, wobei sie nach und nach lernen, die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten zu berücksichtigen und sie gegeneinander abzuwägen. All das geschieht im Zusammenspiel mit ihrem wachsenden Fernsehwissen, während gleichzeitig ihre Vorliebe für komplexe Charaktere steigt. Müssen die Lieblinge der Jüngeren noch klar durchschaubar und voneinander unterscheidbar sein, bevorzugen die älteren Schulkinder vielschichtige Rollen. Sie wissen nun, Menschen sind nicht so einfach gestrickt, sind nicht nur gut oder böse, schlau oder dumm. So kann das Fernsehen mit Inhalten und Figuren, die den Kindern altersgerechte und brauchbare Orientierungen für ihr Großwerden bieten, sie auch darin unterstützen, soziales Handeln zu verstehen und einzuordnen.

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