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Tabubruch in Dauerschleife: Vom Dschungelcamp bis Bachelor

12. Januar 2018
Tabubruch in Dauerschleife: Vom Dschungelcamp bis Bachelor

Wie jedes Jahr startet auch 2018 mit einigen TV-Sendungen, die das Publikum spaltet: Für die einen Trash-TV ohne Daseinsberechtigung, für die anderen beste TV-Unterhaltung zum Fremdschämen. Sendungen wie „Ich bin ein Star holt mich hier raus“ (RTL/12. Staffel), „Der Bachelor“ (RTL/8. Staffel), „Germany‘s next Topmodel“ (ProSieben/13. Staffel) und „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL/15. Staffel) sind nicht tot zu kriegen, jedes Jahr aufs Neue wird der kalkulierte Tabubruch zelebriert. Mit „Get the F*ck out of my House“ setzt ProSieben dieses Jahr mit einer verschärften „Big Brother“-Variante noch einen drauf.

Get the F*ck out of my House (ProSieben)

Seit dem 4. Januar läuft die Sendung jeden Donnerstag um 20.15 Uhr auf ProSieben. Hier versuchen hundert Menschen, eingepfercht in einem Ein-Familien-Haus, so lange wie möglich durchzuhalten. Die Zustände im Haus sind menschenunwürdig. Für die Probanden gibt es lediglich eine Toilette und eine Dusche, viel zu wenig Lebensmittel, Hygieneartikel, Schlafraum und vor allem Privatsphäre. Menschliche Grundbedürfnisse können nur rudimentär erfüllt werden, schon nach kürzester Zeit herrschen Chaos, Neid und Missgunst. Die Menschen, die sich freiwillig dieser Tortur aussetzen, werden zusätzlich durch hämische Texteinblendungen und Kommentare abgewertet und lächerlich gemacht. Die Sendung ist auf ganzer Linie fragwürdig: Persönliche Merkmale, Missgeschicke und Gefühlsausbrüche werden zur Schau gestellt. Außerdem wird vermittelt, dass Menschen für Geld und mediale Aufmerksamkeit zu allem bereit sind. Das Argument, dass die Frauen und Männer vorher wüssten worauf sie sich einlassen, ist nicht zutreffend. Was es für das private Umfeld bedeutet, sich vor einem Millionenpublikum diesem menschenunwürdigen Spektakel auszusetzen, werden sicher nicht alle Beteiligten überblicken.

Ich bin ein Star - holt mich hier raus (RTL)

Am 19. Januar ist es wieder soweit: Zwölf mehr oder weniger prominente Menschen müssen teilweise geschmacklose Dschungel-Prüfungen über sich ergehen lassen. Der Zuschauer wird zum Voyeur gemacht, Häme und Schadenfreude sind die wesentlichen Bestandteile der Sendung. Wie Menschen hier in gefährlichen, peinlichen und ekligen Situationen bloßgestellt werden, vermittelt ein fragwürdiges Menschenbild. Auch wenn das Format erst nach 21 Uhr ausgestrahlt wird: Das mediale Echo auf solche Shows macht natürlich auch Kinder neugierig und so ist es nicht überraschend, dass das „Dschungelcamp“ Gesprächsthema auf dem Schulhof ist. „Highlights“ der Sendung finden sich – rund um die Uhr – auch im Internet und in der begleitenden App wieder.

Deutschland sucht den Superstar (RTL)

Seit dem 3. Januar suchen Dieter Bohlen und seine Jury talentierte Newcomer, die Gesang, Tanz und „Personality“ zum Besten geben. Dieses Jahr gibt es mit Mousse T. prominente Verstärkung in der Jury, das Konzept bleibt wie gehabt: Verunglückte Auftritte talentfreier Kandidaten werden ausgeschlachtet, gehässige Kommentare von Bohlen und Co. sind keine Seltenheit. Die Fehltritte besonders exotischer Freiwilliger erfreuen sich im Netz großer Beliebtheit. Die Sendung vermittelt vor allem eine Botschaft: Um Erfolg zu haben, muss man bereit sein, sich dem Werturteil einer höheren Instanz zu unterwerfen. Individualität, Kreativität und kritisches Denken bleiben dabei auf der Strecke. Und die Gewinner der Talentshow verschwinden jedes Jahr schnell aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Der Bachelor (RTL)

Die Kuppelshow „Der Bachelor“ ging am 10. Januar in eine neue Runde. Über zwanzig Kandidatinnen buhlen um die Gunst eines Junggesellen, der nach dem Ausscheidungsprinzip seine Herzdame auserwählt. Die Vorstellungen von Beziehungsanbahnung und Liebe, die bei der Sendung vermittelt werden, sind aus pädagogischer Sicht haarsträubend: Die Kandidatinnen bieten sich ihrem Märchenprinzen an, um endlich ihre Erfüllung zu finden. Die Frauen werden als Luxusartikel inszeniert, mit denen sich der Bachelor umgibt, neben Sportwagen, Champagner und Designeranzug. Logisch, dass Äußerlichkeiten bei der Auswahl ausschlaggebend sind: Attraktiv, sexy und anschmiegsam müssen die Kandidatinnen sein. Der Konkurrenzdruck ist groß, der „Zickenkrieg“ wird als typisch weibliches Verhalten in Szene gesetzt. Manch junger, weiblicher Fan findet an diesem Konzept nichts auszusetzten und zieht die Sendung als Anschauungsmaterial heran, „weil ich das interessant finde, wie die Frauen da so sind, wenn sie mit dem Bachelor zusammen sind“ (Carlotta, 12 Jahre).

Germany‘s next Topmodel (ProSieben)

Jung, sexy und zu allem bereit. Auch bei „Germany‘s next Topmodel“ wird dieses Frauenbild von vorgestern transportiert. Ab 8. Februar müssen die „Mädchen“ ihre Idealmaße zur Schau stellen und sich dem Diktat von Heidi Klum unterwerfen. Das Ideal vom makellosen Körper und von bedingungsloser Anpassung ist für junge Zuschauer doppelt problematisch: Statt selbstbewusst die eigene Individualität samt körperlicher Eigenheiten zu akzeptieren, wird ein mediales Schönheitsideal zur Messlatte. Zudem können Erwartungen in ein aufregendes Leben voller Glamour und medialem Ruhm geweckt werden, die für viele unerfüllbar bleiben. Ähnlich wie beim „Bachelor“ wird zudem der Zickenkrieg als typisch weibliche Umgangsform in Szene gesetzt. Für die 13-jährige Lotte etwa macht genau das den Reiz an „Germany’s next Topmodel“ aus: „Die kriegen da immer so ganz, ganz ausgefallene Kleidung oder so riesig hohe Schuhe und dann ist es immer lustig, dass man sieht wie die da so laufen. Das ist auch unterhaltsam, wegen Zickenkrieg und so.“ An dieser Aussage zeigt sich, dass fragwürdige Vorstellungen über faires Miteinander und ein insgesamt abwertendes Menschenbild befördert werden können.

Fazit

Jüngere Kinder bis etwa Ende des Grundschulalters sollten solche Sendungen am besten gar nicht sehen. Auch bei älteren Kindern ist es wichtig, einen kritischen Blick auf solche Formate zu fördern. Wird der Gruppendruck und die Neugierde zu groß, können Eltern mit älteren Kindern gemeinsam eine Folge ansehen. Wenn man eine Sendung genau unter die Lupe nimmt, zeigt sich schnell, was an DSDS und Co. fragwürdig ist. Entscheidend ist, Kindern zu vermitteln, dass diese Sendungen inszeniert sind. Sie bilden nicht das „wirkliche“ Leben ab. Zur kindlichen Entwicklung gehört es, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das funktioniert am besten, wenn Kinder angeregt werden, hinter die Kulissen zu blicken. Auch fragwürdige Vorbilder und eine medial inszenierte Wirklichkeit können auf diese Weise entschlüsselt und hinterfragt werden.

 

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