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„Kinder haben einen gesunden Weg, mit Trauer umzugehen ...“

Ein Interview mit Detlef Bongartz, Dipl.-Heilpädagoge, Supervisor und Familientrauerbegleiter, spezialisiert auf Kinder (www.merlinos.de).

Kinder und Erwachsene trauern unterschiedlich. Warum ist das so?
Kinder sind emotionale Wesen, sie reagieren situativ und rein gefühlsmäßig auf Gegebenheiten. Kognitive Prozesse stehen ihnen nicht im Weg, so wie es häufig bei den Erwachsenen zu beobachten ist. Kinder drücken Gefühle unmittelbar aus – man weiß eigentlich immer, wie es einem Kind gerade geht. Erwachsene lassen bestimmte Gefühle erst gar nicht zu. Das wirkt verwirrend auf die Kinder.

Wie wirken sich diese Unterschiede aus? 
Ängste und Unsicherheit der Erwachsenen spiegeln sich in ihren Verhaltensweisen. Wenn man das Kind z.B. nicht mit zur Beerdigung nimmt, ist das häufig keine Schutzmaßnahme für das Kind, sondern für den Erwachsenen, der sich diesen Gefühlen nicht stellen kann oder will. Das ist ja auch schwierig und intensiv, da eigene schmerzhaft erlebte Trauergefühle unweigerlich ausgelöst werden. Aber für das Kind ist  „das Teilhaben am Abschiedsprozess“ enorm wichtig. Es muss begreifen, es muss fühlen, es muss sehen, was passiert.

Erwachsene scheuen das Thema weiterhin für sich, unbewusst oder bewusst, weil sie wissen oder ahnen, dass sie immer auch mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert werden. Die Erwachsenen machen das zum Tabuthema – nicht die Kinder. Kinder erleben den Tod noch nicht so sehr als Bedrohung, sondern eher als was, was dazugehört, aber für sie noch keine Gültigkeit hat.

Wenn Erwachsene trauern, beklagen oft sich selber, darüber, was ihnen genommen wurde. Kinder haben das so nicht. Sie trauern um die Person selbst, die sie lieben. Sie haben einen natürlichen Zugang zum Thema.

Das heißt, je nach Alter trauern Kinder unterschiedlich?
Je nach Alter, ist das Verständnis unterschiedlich: Bis etwa sieben Jahre haben Kinder noch keinen Begriff davon, dass jemand tot ist und nie wieder kommt. Sie haben die zeitliche Perspektive noch gar nicht, was „nie wieder“ bedeutet. Auch Kinder im Grundschulalter haben immer noch einen natürlichen Zugang zu Tod und Sterben. Kinder in diesem Alter z.B. finden einen toten Vogel auf dem Weg und begraben diesen. Sie haben eine eigene Vorstellung, wie diese Beerdigung aussehen soll und tun das, was ihnen hierbei wichtig erscheint. Auf diese Art und Weise setzen sie sich ganz natürlich mit Tod und Abschied auseinander. Sie sind neugierig und handlungsorientiert, begreifen auf diese Weise ihre Umwelt.

Kinder wissen, dass Wesen sterben, ordnen es aber nicht der eigenen Familie zu. Das ist ein ganz natürlicher Eigenschutz, den die Kinder leben – der ist einfach da. Der Tod  hat in der eigenen Familie keine Gültigkeit – und das ist auch sinnvoll, sonst wären sie permanent in einem angstvollen bedrohlichen Gefühl. In der Vorpubertät kommen dann Orientierungsfragen dazu. Ein jugendlicher Mensch erlebt ein Spannungsfeld zwischen Abnabelung von der Familie und der tiefen Verbundenheit mit ihr. Stirbt in dieser Zeit ein nahestehendes Familienmitglied kommt sein ganzes Gefühlsleben noch mehr ins Wanken. Zur Loslösung von der Familie braucht es eben noch Menschen, mit denen sich der jugendliche Mensch auseinandersetzen und reiben kann. Fehlt dieser Aspekt in einer Familie, ist das Abschied nehmen nicht so natürlich zu gestalten, sondern mit starken emotionalen Irritationen verbunden.

Wie können Kinder unterstützt werden, wenn sie trauern oder traurig sind? Vor allem, da sich ja auch Erwachsene in der Hinsicht schwer tun.
Wesentlich ist, dass Eltern, Geschwister ... dem trauernden Kind signalisieren: „Ich bin da – egal, wie du deine Trauer ausdrückst, du kannst jederzeit kommen, mich fragen, ich nehme dich immer in den Arm ...“ Alle Gefühle – Wut, Verzweiflung, Aggression oder auch Freude – sind in Ordnung. Man sollte Kinder – egal wie alt – ganz natürlich in den Abschiedsprozess mit einbinden, indem sie ein Abschiedsbild malen oder ein persönliches Geschenk in den Sarg legen. Jegliches Fernhalten von Trauerprozessen kann in den Kindern ängstliche Bilder auslösen.

Wichtig ist es, individuell auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen: Man muss schauen, wie sind die Befindlichkeiten des Kindes, was will es machen, will es spielen etc. Manchmal muss das Gefühl der Trauer auch körperlich ausgedrückt werden können, etwa, weil das Kind wütend ist. Man sollte Kinder auch, wenn der Tod noch eintreten wird, in den Abschiedsprozess einbinden und lassen. Die Traurigkeit kann man nicht nehmen, aber vermeiden, dass erschreckende Bilder haften bleiben. Das ist ein gesunder und heilsamer Prozess.

Wie kann man den Kindern erklären, was passiert?
Erwachsene erklären zwar gerne – und überfordern die Kinder oft damit. Es reicht, in ein, zwei Sätzen, kurz und prägnant zu beschreiben: Der Opa ist gestorben und dann die Abläufe erklären. Der Dreijährige weiß sicher nicht, was das bedeutet, dass der Opa tot ist, aber es gibt einfach keine verstehende Beschreibung, die hilfreich wäre. Direkt und anschaulich ist das Beste. Kinder haben keine Angst und fühlen sich nicht bedroht, im Gegenteil: Sie fühlen sich ernst genommen und bekommen dadurch Sicherheit – sie haben das Gefühl, man geht echt und ehrlich mit ihnen um.

Was kann man Eltern konkret raten?
Mein Rat an Eltern: Macht es nicht zu kompliziert. Bleibt natürlich, sagt den Kindern altersgerecht und in wenigen Worten, was ihr denkt und macht ihnen nichts vor, denn manches könnt ihr nicht beantworten. Kinder fragen ja direkt, wie es denn ist tot zu sein. Da kann man auch sagen, ich weiß es nicht, denn das habe ich noch nie erlebt. Aber es wichtig, ehrlich zu vermitteln, was man glaubt und fühlt.
Als Trauerexperte bin ich sehr kritisch, wenn ich höre, dass man Kindern sagt, der Opa ist auf eine lange Reise gegangen oder der Opa schläft. Das löst nämlich wesentlich mehr Ängste oder etwa Verwirrung aus. Das Kind hat dann Angst einzuschlafen, weil es das mit dem Tod verbindet und denkt: Wenn ich schlafe, bin ich tot und meine Eltern haben mich nun nicht mehr. Auch vermeiden: Auf Reise gehen, denn das heißt, der Opa kommt wieder zurück und das Kind wartet darauf – und wird enttäuscht.

Können dabei auch Bilderbücher, Filme etc. zu Hilfe genommen werden? Gibt es Kriterien, wie das Thema aufbereitet werden sollte?
Wichtig ist, die Sprache der Kinder zu treffen und ihre Sicht einzunehmen. Es sollte auch gezeigt werden, dass die Kinder aktiv in den Trauerprozess eingebunden werden. Das heißt auch, dass ihre Verhaltensweisen, wozu auch die magische Welt der Kinder gehört, aufzugreifen.
Wesentlich ist bei Büchern oder Filmen, dass man zusammen guckt oder liest – und danach bespricht. Damit können Bilder oder Gefühle, die hochkommen, bearbeitet werden. Dadurch bekommen die Kinder Verhaltensmöglichkeiten aufgezeigt, es stößt etwas bei ihnen an, wie sie sich äußern können. Natürlich muss die Auswahl alters- und entwicklungsgerecht sein.

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