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Erziehungsfernsehen – Zwischen Anregung und Abschreckung

03.09.2009

Mit der Super Nanny hat alles angefangen. Seit Katharina Saalfrank auf RTL Erziehungshilfe leistet, haben Erziehungssendungen Hochkonjunktur. Im Sommer 2009 waren solche Formate so populär wie noch nie: Neben der "Super Nanny" (RTL) liefen unter anderem "Die Superlehrer" (SAT.1), "Jugendcoach Oliver Lück" (SAT.1), "Erwachsen auf Probe" (RTL), "Die Schulermittler" (RTL), "Die strengsten Eltern der Welt" (Kabel 1) und "Schluss mit Hotel Mama" (Kabel 1). Bei den Erwachsenen gehen die Meinungen über Saalfrank und Co. auseinander: Manchen bieten die Sendungen ernsthaftes Anschauungsmaterial, andere amüsieren sich über die desolaten Verhältnisse der beteiligten Familien. Ein weiterer Teil lehnt solche Angebote rundum ab.

¹Was sagen Kinder zum Erziehungs-TV?

FLIMMO hat im Juli 2009 75 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren zum Thema Erziehungssendungen im Fernsehen befragt. Den vollständigen Auswertungsbericht finden Sie hier zum Nachlesen und Downloaden.

Auch bei Kindern¹ hinterlassen diese Sendungen einen zwiespältigen Eindruck. Gut drei Viertel der Befragten haben schon einmal eine Erziehungssendung gesehen. Bei den Jüngsten sind es weniger als die Hälfte, bei den Ältesten mehr als vier Fünftel. Die elfjährige Marie steht dem Erziehungsfernsehen kritisch gegenüber: "Also das ist jetzt eigentlich nicht so, dass man das im Fernsehen zeigen müsste. Weil, das ist eigentlich Familienangelegenheit." Andere Kinder können solchen Sendungen durchaus Positives ab gewinnen: Der 13-jährige Daniel findet zum Beispiel das Anti-Aggressionstraining in "Jugendcoach Oliver Lück" interessant, "denn das würde ich gerne selber mal ausprobieren." Nach den Debatten über die Super Nanny aber auch über das besonders umstrittene Format "Erwachsen auf Probe" hat sich FLIMMO dieses Themas angenommen.

Inszenierte Realität - Was Erziehungs-TV zeigt

Egal ob die "Super Nanny", "Die Superlehrer" oder "Die Schulermittler": Die Reality-Doku-Formate zeigen eine inszenierte Realität, die mit dramaturgischen Mitteln Emotionen schürt. Das beginnt bei der Auswahl der Beteiligten, geht über die Zusammenstellung der Szenen bis hin zur musikalischen Untermalung und den Kommentaren aus dem Off. Bei der "Super Nanny" zum Beispiel werden die aufsässigen Kinder schon mal als "Satansbraten" bezeichnet. Bei den "Superlehrern" bekommen die Schüler von Anfang an einen Stempel aufgedrückt: "Die Zicke", "Der Macho", "Die Streberin". Manche ältere Kinder hinterfragen das Gezeigte durchaus kritisch.

Einschaltquoten Erziehungs-TV

  • Die Superlehrer (SAT.1, 22.06.09)
  • 6-8 Jahre: 4,6 %
  • 9-10 Jahre: 6,5 %
  • 11-14 Jahre: 12,3 %

"Ich weiß halt nicht, ob das nur Show ist oder auch Wirklichkeit. Das weiß man ja nie, wenn’s im Fernsehen läuft", stellt die zwölfjährige Manuela treffend fest. Mädchen und Jungen, die das Konzept mit der inszenierten Wirklichkeit durchschauen, können sich besser distanzieren. Je jünger und fernsehunerfahrener die Kinder allerdings sind, desto schwerer fällt ihnen die Einschätzung der Inszenierungstricks und damit der kritische Abstand.

 

Einschaltquoten Erziehungs-TV

  • Erwachsen auf Probe (RTL, 24.06.09)
  • 6-8 Jahre: 18,6 %
  • 9-10 Jahre: 12,9 %
  • 11-14 Jahre: 18,8 %

Einen Schritt weiter ging die Sendung "Erwachsen auf Probe". Statt einer realen Ausgangssituation wurde ein komplett künstliches Szenario geschaffen. In dem sogenannten TV-Experiment wurden Jugendliche in Musterhäuser einquartiert, um mit geliehenen Kindern Familie zu spielen. Ziel war es laut Sender, den Teenagern vor Augen zu führen, wie anstrengend es ist, Eltern zu sein. Dabei vertraute man vor allem auf die abschreckende Wirkung der "Leihkinder". Die Überforderung war vorprogrammiert, die Hilflosigkeit der Teenager bemitleidenswert. Ob sich die beteiligten Jugendlichen tatsächlich davon abhalten lassen, vorzeitig eigene Kinder in die Welt zu setzen, bleibt offen. Dass Kinder, Jugendliche und sogar Babys zu Unterhaltungszwecken in kritischen Situationen zur Schau gestellt werden, ist auf jeden Fall problematisch. Bei den "Schulermittlern" dagegen ist alles gestellt. Konflikte und Vergehen im Schulalltag wer den von Laiendarstellern nach Drehbuch in Szene gesetzt. Die Kameraführung vermittelt den Eindruck, unmittelbar vor Ort zu sein. "Experten"-Interviews und die Aussagen von Beteiligten sollen dem Ganzen Seriosität verleihen. Für Kinder und auch manchen Erwachsenen können diese Darstellungsformen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen.

Einschaltquoten Erziehungs-TV

  • Die Super Nanny (RTL, 27.05.09)
  • 6-8 Jahre: 18,1 %
  • 9-10 Jahre: 14,6 %
  • 11-14 Jahre: 19,0 %

 Regeln gehen vor - Wie Erziehungs-TV funktioniert

"Also die Super Nanny hilft Eltern mit schwer erziehbaren Kindern. Die gibt Tipps, damit die Eltern ihre Kinder nicht schlagen und nicht selber ausrasten" (Mareike, elf Jahre). Mitunter halten die befragten Kinder die Hilfestellungen in Sachen Erziehung für durchaus brauchbar. Einige Eltern nehmen sich die erzieherischen Tipps und Verhaltensregeln von Katharina Saalfrank zu Herzen. "Na, da kann man sich schon ein bisschen was ab gucken, wenn man selbst Probleme hat mit der Familie. Wenn ich das jetzt mit meinen Eltern geguckt hab, haben die auch schon öfter gesagt: 'Ja, das ist gut, müssen wir auch mal einführen'", erzählt uns der 13-jährige Marius.
Auch bei "Die strengsten Eltern der Welt" geht es um Regeln und Gehorsam. Verzogene Jugendliche müssen sich in fremden Familien mit deren Vorschriften und Spiel regeln auseinander setzen. Und das fernab der Heimat, konfrontiert mit einem neuen Umfeld, einer fremden Sprache und Kultur. Für die elfjährige Daniela ist diese Konstellation besonders
spannend, "weil man da mal sieht, wie die sich dann anstellen". Drei Viertel der befragten Kinder sind der Meinung, dass man bei den Sendungen des Erziehungsfernsehens etwas lernen kann. Vor allem sind es die konkreten Regeln, die den Kindern im Gedächtnis bleiben.
Und die Tatsache, dass angeregt wird, sich an einen Tisch zu setzen und miteinander zu reden. Diese Bereitschaft zur Kommunikation, auch in schwierigen Situationen, ist den Mädchen und Jungen wichtig. Offen über Probleme und Ängste sprechen zu können, das wünschen sich viele Kinder auch für ihren eigenen Familienalltag. Trotz einiger positiver Aspekte wirft das pädagogische Konzept der Sendungen Fragen auf. Die Beratung besteht großteils aus Patentrezepten, die den Familien übergestülpt werden. Den überforderten Eltern wird vor allem beigebracht, sich gegenüber dem Nachwuchs durchzusetzen. Den Kindern und Jugendlichen wird eingebläut, dass sie zu parieren haben. Für eine langfristig funktionierende Eltern-Kind-Beziehung ist dieser Ansatz zu oberflächlich. Außerdem sind die kurzfristigen Eingriffe der Fernseh-Experten kaum geeignet, um eine langfristige Wirkung zu erzielen. Für den elfjährigen Martin ist das auch sonnenklar: "Weil die verlernen das ja auch wieder. So wie in der Schule." Ein Kritikpunkt, den sich alle Erziehungssendungen in ihrer derzeitigen Form gefallen lassen müssen.

Problemfälle überall? - Erziehungsberatung als Abschreckung

Aus medienpädagogischer Sicht ist die Zurschaustellung problembelasteter Personen ein Hauptkritikpunkt. Die öffentliche Preisgabe des Privatlebens hat individuelle Folgen für die Betroffenen, die Konsequenzen sind für die wenigsten im Voraus abzusehen. Das öffentlich gemachte Familienleben wird nicht nur einem anonymen Fernsehpublikum präsentiert, sondern möglicherweise auch von Freunden, Nachbarn und Mitschülern verfolgt. Und damit sind die beteiligten Mädchen und Jungen unter Umständen dem Hohn und Spott ihrer Altersgenossen aus geliefert.
Darüber hinaus prägen solche Sendungen natürlich auch Vorstellungen von Familienleben und Erziehung. Die präsentierten Fälle vermitteln ein Bild vom Alltag mit Kindern, das aufgrund der Extrembeispiele und der Einseitigkeit der Darstellung vor allem abschreckend ist. Die positiven Seiten des Zusammenlebens mit Kindern und Jugendlichen bleiben ebenso auf der Strecke wie alltagsnahe Tipps und Anregungen für das normale Familienleben.

Alternativen zum Erziehungs-TV

Für Kinder ist das Erziehungsfernsehen eher eine Randerscheinungen. Auch wenn viele Mädchen und Jungen einzelne Sendungen schon einmal gesehen haben, ihre Programmvorlieben sehen anders aus. Trotzdem schauen einige jüngere Kinder zu, aber der Sinn und Zweck bleibt ihnen verborgen, wie etwa dem siebenjährigen Daniel: "Die tu ich schon oft gucken, aber, ich tu‘s nicht so verstehen." Dennoch sorgen die "Super Nanny" oder "Erwachsen auf Probe" auch bei Kindern für Gesprächsstoff und in einigen Familien wird das Angebot sogar gemeinsam verfolgt. In so einem Fall kann man die gezeigten Konflikte zum Anlass nehmen, um über den eigenen Umgang mit Erziehungsfragen und das Familienleben ins Gespräch zu kommen. Im Sinne einer Erziehung zur kritischen Fernsehnutzung sollten aber auch Inszenierungstricks und fragwürdige Darstellungsweisen zum Thema gemacht werden.
Der Boom der Erziehungssendungen zeigt den großen Informations- und Beratungsbedarf. Auch die Popularität von Beratungsliteratur verweist auf eine grundlegende Verunsicherung über den richtigen Dreh bei der Kindererziehung. Neben der einschlägigen Fachliteratur sollte man aber auch der eigenen Erziehungs-Kompetenz vertrauen. Und falls tatsächlich massive Erziehungsprobleme auftreten, sind lokale Beratungsstellen oder seriöse Beratungsangebote im Internet (siehe Kasten) sicher erfolgversprechender als "Super Nanny" & Co.

FLIMMO bespricht das aktuelle Fernsehprogramm und gibt Tipps zur Fernseherziehung. Bewertet werden Sendungen, die 3- bis 13- jährige Mädchen und Jungen gerne sehen oder mit denen sie als Mitseher in Berührung kommen. Um einen schnellen Überblick zu bieten, sind die Sendungen in drei Rubriken eingeteilt.

Was bedeuten die Rubriken?

Kinder finden's prima

Von Sendungen in dieser Rubrik sind Kinder angetan. Auch wenn nicht alles den Geschmack der Erwachsenen trifft, "Kinder finden's prima".

Mit Ecken und Kanten

Sendungen in dieser Rubrik werden von Kindern gemocht, haben aber auch „Ecken und Kanten“. Sie enthalten Bestandteile, die Kindern nicht nur gut tun.

Nicht für Kinder

Sendungen in dieser Rubrik enthalten Bestandteile, die für Kinder schwer verkraftbar sind. Am besten hält man Kinder davon fern, da sie überfordert, verunsichert oder geängstigt werden können.

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