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Familienbilder im Fernsehen – Was Kindern im TV begegnet

05.01.2009

Die Fernsehfamilie – Von den Simpsons bis Super Nanny

Die Fernsehfamilie hat im deutschen Fernsehen eine lange Tradition. Von „Familie Hesselbach" über die „Fussbroichs", ein Vorläufer heutiger Reality-Dokus, bis hin zu „Ich heirate eine Familie": Familienleben hatte in den zurückliegenden Jahrzehnten im Fernsehen immer Konjunktur. Aus heutiger Sicht mutet manch Familienidylle von damals betulich und bieder an. Die „Normalfamilie“ war die Regel, häusliche Strukturen auf eher traditioneller Rollenverteilung ausgerichtet. Der Familienvater als Ernährer, die Mutter als gute Seele und Ankerpunkt des (mehr oder weniger) harmonischen  Familienlebens. Heute ist das Spektrum der gezeigten Familienkonstellationen weitaus vielfältiger: Multikulti in „Türkisch für Anfänger", chaotisch-schräg bei den „Simpsons", dramatisch bei „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten". Prekäre Familiensituationen werden bei den sogenannten Reality-Dokus präsentiert, wie „Familienhilfe mit Herz" oder der „Super Nanny".

 FLIMMO-Kinderbefragung 2008

FLIMMO hat im Juni 2008 sieben- bis 13-jährige Kinder zum Thema „Familien(bilder) im Fernsehen: Wie Kinder Fernsehfamilien sehen“ befragt. Den ausführlichen Auswertungsbericht finden Sie hier.

Kindern liegt das Thema Familie sehr nahe. Zum einen wird ihr Erlebens- und Sozialraum von klein auf zunächst vom Familienumfeld geprägt. Werte und Normen, aber auch Verhaltensmuster und Rollen werden abgeschaut, eingeübt und übergeprüft. Zum anderen bietet die Familie im Normalfall den notwendigen Schutzraum, in der sich die kindliche Entwicklung und Aneignung von Welt vollziehen kann. Kein Wunder also, dass die Mädchen und Jungen sehr interessiert das Familienbild im Fernsehen unter die Lupe nehmen. Dabei stoßen sie auf unterschiedliche Sendungen, vom Kinder- bis Erwachsenenprogramm. Je nach Alter, Geschlecht und dem eigenen Erfahrungshintergrund variieren ihre Vorlieben und die Einschätzung des Gesehenen. Besonderes angesprochen werden Kinder, wenn sie in Serien oder Filmen Bekanntes wiederfinden. Manches kann sie auch überfordern, manches ist für sie schlicht unverständlich. Um herauszufinden, wie die unterschiedlichen Sendungen und Formate bei den Kindern ankommen, und wie sie mit den „Familienbildern“ im Fernsehen umgehen, hat der FLIMMO eine Kinderbefragung zu diesem Thema durchgeführt.

Thema Familie – Umgang mit Konflikte

„Das ist eine sehr glückliche Familie, aber manchmal gibt’s auch Krach miteinander,“ beschreibt der zehnjährige Manuel die Zeichentrickserie „Die Simpsons". Konflikte zwischen Eltern und Kindern sowie Reibereien zwischen Geschwistern sind im Fernsehen – wie im richtigen Leben – an der Tagesordnung. Einige Serien beziehen dabei ihre Spannung aus dem Gegensatz zwischen braven und frechen Charakteren. Die elfjährige Marie findet die Simpsons-Kinder besonders frech und fühlt sich in ihrem eigenen Verhalten eher bestätigt, denn „brave Leute sind ja auch langweilig.“ Wenn sich Kinder Vorbilder wie Familie Simpson herauspicken, reagieren viele Eltern skeptisch. Zu laut, zu chaotisch, zu rotzig, so das Urteil besorgter Mütter und Väter angesichts der gelbköpfigen Rasselbande. Aber wenn man genau hinsieht, sind die Simpsons im Kern eine intakte Familie. Letztendlich stehen die Familienmitglieder füreinander ein und halten gerade in Notzeiten fest zusammen. Dieser Aspekt ist vielen Kindern wichtig, weil sie diese Sicherheit und Verlässlichkeit im familiären Miteinander für ihr eigenes Leben wünschen.
Auch in die Streitigkeiten zwischen Geschwistern können sich einige Befragte gut einfühlen. So erinnert den neunjährigen Kevin der ständige Zoff zwischen den Geschwistern in „Typisch Andy" an den „Streit zwischen meiner Schwester und mir, aber das ist ja in jeder Familie so.“ Dass es nicht nur zu Hause, sondern auch in den Fernsehfamilien nicht immer friedlich und gerecht zugeht, kann für die jungen Zuschauer auch eine Entlastung sein. Wenn in den Fernsehfamilien nur eitel Sonnenschein herrscht, können die meisten Mädchen und Jungen eher wenig damit anfangen. Auch dass Eltern mal die Nerven verlieren, ist manchen Befragten nicht fremd. So kommt der neunjährigen Annika in „Mama ist unmöglich" die folgende Szene bekannt vor: „Da hat ein Mädchen mal mit der Mama gestritten und dann ist die Mama richtig ausgeflippt und hat dann vor lauter Wut den Lappen geworfen.“

Verlustängste und Familiendramen – Was Kindern zuviel wird

Bei Geschichten und Szenen, die eigene Verlust- oder Trennungserfahrungen berühren, schauen Mädchen und Jungen besonders genau hin. Für den elfjährigen Tobias war beispielsweise der Spielfilm „Das Wunder von Bern" ein harter Brocken. Tobias, der mit seiner Mutter getrennt vom Vater lebt, konzentriert sich auf den Vater-Sohn-Konflikt, der in dem Film eine wichtige Rolle spielt. Dass die beiden zum Schluss zueinander finden, ohne dass der Sohn seine Position aufgeben muss, ist für Tobias sehr wichtig. Besonders sensibel reagieren Kinder, wenn Familie auseinanderbrechen, oder wenn innerhalb der Familie Feindseligkeit oder gar Gewalt herrscht. So findet der 13-jährige Carlo die Anwaltsserie „Für alle Fälle Amy" zwar sehr spannend, ist aber zum Teil überfordert, wenn es um Gewalt gegen Kinder geht: „Ja, es ist halt schon oft bei Adoptionen Gewalt mit im Spiel. Das ist eigentlich nicht so schön anzugucken.“
Auch die nicht enden wollenden Streitigkeiten und Intrigen in Daily Soaps gehen manchen Befragten zu weit. So beschreibt die elfjährige Jessica Familien in „GZSZ": „Da ist meistens ein Kind und die Eltern streiten sich.“ Gleichzeitig fasziniert und befremdet folgt die 13-jährige Larissa der Handlung von „GZSZ": „Ja, also bei der einen Familie, da sind die Eltern zwar verheiratet, aber die lieben sich gar nicht. Die heiraten nur wegen ihrer Tochter.“
Was die Beziehung der Fernseheltern angeht, sind die befragten Kinder für stabile oder zumindest geordnete Verhältnisse. Bei der zehnjährigen Celine kommt das zum Ausdruck, wenn sie den Inhalt der Serie „Wie erziehe ich meine Eltern" beschreibt: „Die Ex-Frau ist aufgetaucht, da war die Mutter total eifersüchtig. Die Kinder haben dann versucht die Ex-Frau wegzubringen, damit die anderen wieder zusammenkommen.“ Auch hier spielt der Wunsch nach harmonischem Zusammenleben im Fernsehen und im richtigen Leben eine Rolle. So gefällt der zehnjährigen Liliana nicht, dass die Eltern von „Zack & Cody" getrennt sind. Zwar würde sie sich auch so ein lustiges Leben im Hotel wünschen, wie es die beiden Jungen führen, aber eines ist klar: „Was ich mir nicht wünschen würde, ist, dass sich meine Eltern scheiden lassen.“

Wie im richtigen Leben? – Auch Reality-TV zeigt Familienleben

Je älter die Kinder werden, desto mehr interessieren sie sich auch für Sendungen des Reality-TV: Von jeweils einem Drittel der Befragten und damit in dieser Kategorie am häufigsten gesehen werden die Sendungen „Frauentausch" und „We are family! – So lebt Deutschland". Bei „Frauentausch" stehen für die Mädchen und Jungen vor allem die Konflikte zwischen Tauschmüttern und Kindern im Mittelpunkt. Die unterschiedlichen Standards bei Hausarbeit und Erziehung sehen die Kinder als den primären Zündstoff. Auch die Familien in „We are family" oder „Familienhilfe mit Herz" werden als gestresst, problembeladen und hilfebedürftig wahrgenommen. „Die haben auch nie Arbeit oder Jobs oder die sind immer schlecht in der Schule,“ meint zum Beispiel die 13-jährige Marissa. Meist werden die gezeigten Familien von den zuschauenden Kindern abgelehnt oder zumindest als befremdlich erlebt. Dies wird in aller Regel mit der in der häufig dargestellte Aggressivität der Konfliktaustragung begründet.
Gut die Hälfte der befragten Kinder findet hier nichts Nachahmenswertes. So meint der zehnjährige Paul zu den Familien der Sendung „Familienhilfe mit Herz": „Das sind ja eher so welche, die Probleme haben. Und da konnte ich mir eigentlich bisher nichts abgucken.“  Knapp die Hälfte der Befragten meinen, solchen Sendungen Lehrreiches abgewinnen zu können, etwa konkreten Verhaltensvorschriften oder Strategien zur Alltagsorganisation („Dass man sich Listen macht.“).  besonders empfänglich sind Kinder, die das eigene Familienleben konfliktreich und problembeladen erleben. So hat den elfjährigen Matthias eine Versöhnungsszene in „We are family" beeindruckt, in der ein Brief der Tochter an die Mutter eine wichtige Rolle spielt: „Das mit dem Brief fand ich cool, das ist der beste Streitschlichter.“  

Bilder von Familien – Kindern bieten, was sie brauchen

Sowohl in der Realität als auch in den Medien suchen Kinder nach Anregendem, an dem sie sich orientieren können – auch und gerade, was das familiäre Zusammenleben angeht. Damit problematisches Anschauungsmaterial aus dem Fernsehen nicht deren Sichtweisen dominieren, müssen Kinder lernen, die unterschiedlichen Angebote aus dem Fernsehen und anderen Medien kritisch zu hinterfragen. Für Eltern ist es auf der einen Seite wichtig, am Ball zu bleiben, was die Fernsehvorlieben der Mädchen und Jungen angeht. Auch wenn die Geschmäcker auseinander gehen, was etwa das Familienbild in den „Simpsons" angeht: Diskussionen über die Fernsehlieblinge der Kinder können ein guter Ausgangspunkt sein, um sich über eigene Vorstellungen, Wünsche und gegebenenfalls Regeln auszutauschen.

Auf der anderen Seite sollten Eltern genau überlegen, ob Sendungen des Reality-TV tatsächlich taugliche Fernsehkost für die Mädchen und Jungen darstellen. Wenn wie in „Frauentausch" vermeintlich dokumentarisch Privates in die Öffentlichkeit getragen wird und ein negativ-verzerrtes Familienbild als Alltagsrealität in Szene gesetzt wird, besteht das Risiko, dass Heranwachsende ein mehr als fragwürdiges Bild von familiären Umgangsformen entwickeln. Dagegen sind am besten solche Kinder gewappnet, die es gelernt haben, zwischen Inszenierung und Realität zu unterscheiden. Das Hinterfragen von Inszenierungstricks und Darstellungsweisen helfen ihnen, sich zu distanzieren, um solchen Sendungen nicht auf den Leim zu gehen.

FLIMMO bespricht das aktuelle Fernsehprogramm und gibt Tipps zur Fernseherziehung. Bewertet werden Sendungen, die 3- bis 13- jährige Mädchen und Jungen gerne sehen oder mit denen sie als Mitseher in Berührung kommen. Um einen schnellen Überblick zu bieten, sind die Sendungen in drei Rubriken eingeteilt.

Was bedeuten die Rubriken?

Kinder finden's prima

Von Sendungen in dieser Rubrik sind Kinder angetan. Auch wenn nicht alles den Geschmack der Erwachsenen trifft, "Kinder finden's prima".

Mit Ecken und Kanten

Sendungen in dieser Rubrik werden von Kindern gemocht, haben aber auch „Ecken und Kanten“. Sie enthalten Bestandteile, die Kindern nicht nur gut tun.

Nicht für Kinder

Sendungen in dieser Rubrik enthalten Bestandteile, die für Kinder schwer verkraftbar sind. Am besten hält man Kinder davon fern, da sie überfordert, verunsichert oder geängstigt werden können.

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