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Flucht und die Folgen - Wie sich Kinder darüber informieren

02.01.2017

In letzter Zeit hat die Menschen in Deutschland kaum etwas mehr bewegt als das Thema Flucht, deren Ursachen und Folgen: von den tragischen Umständen, unter denen Menschen aus Syrien oder anderswo fliehen müssen, bis hin zu den Kontroversen in Politik und Gesellschaft.

Dabei offenbaren sich gegensätzliche Einstellungen. Hilfsbereitschaft und Verständnis, aber auch Ängste und Kritik bis hin zu Stammtischparolen bestimmen die Debatte. Zudem geht es  auch um die Frage, wie das Zusammenleben in  Deutschland gestaltet werden kann. Das Thema ist Teil unseres Alltags geworden, soviel steht fest. 

Das zeigt sich auch an den Ergebnissen der aktuellen FLIMMO-Kinderbefragung: Alle Kinder sind mehr oder weniger intensiv mit dem Thema Flucht  in Berührung gekommen. Sei es aus den Nachrichten im TV oder in der Zeitung, bei Diskussionen in der Familie, durch Kontakte in der Schule oder in der Nachbarschaft. Gerade bei diesem Thema ist  für viele Eltern guter Rat teuer: Wie kann ich Kindern die schwierige Lage vermitteln, ohne sie zu überfordern? Wie kann ich sie angemessen begleiten und ihre Fragen kindgerecht beantworten?

(FLIMMO hat 83 Mädchen und Jungen im Alter zwischen zehn und 13 Jahren in unterschiedlichen Bundesländern befragt. Detaillierte Ergebnisse hier.)

KINDER WOLLEN'S WISSEN

Eines zeigt sich in der Kinderbefragung deutlich: Die Mädchen und Jungen pochen auf ihr Recht auf Information. Gerade in Zeiten von Krisen und Veränderungen kann man sie nicht abspeisen, nach dem Motto: Das verstehst du noch nicht.   Kinder bekommen die Diskussionen der Erwachsenen und die gegensätzlichen Einstellungen mit und suchen nach Orientierung. Dabei spielen  klassische Nachrichten in Fernsehen, Zeitung und Radio nach wie vor eine große Rolle. Welche  Informationen bei den Kindern ankommen und wie sie diese einschätzen, wird sehr stark von der Mediennutzung der Eltern und anderer Bezugspersonen bestimmt.

Der zwölfjährige Jakob findet es »gut, dass die in den Nachrichten nicht irgendwie drumherum erzählen«. Auch Schreckliches werde nicht ausgespart, wie zum Beispiel die Lage in Aleppo. »Die  werden jetzt zerbombt«, erzählt er. Für den 13- jährigen Felix zeigen die Berichte in der Tagesschau  (Das Erste) die Gründe für die Flucht nach Europa: »In den meisten Ländern ist halt Krieg. Die Leute  kommen nach Deutschland, weil sie einfach Schutz suchen. Sie wollen wieder in Frieden leben, sie wollen einfach nicht mehr Angst haben müssen, dass eine Bombe auf das Haus fallen kann.«

Berichte aus erster Hand kommen besonders gut an: »Ich fand es gut, dass die selber mit der Flüchtlingsfamilie geredet haben«, beschreibt die elfjährige Nadja eine Szene aus den Fernsehnachrichten. Aber auch die unterschiedlichen politischen Ansichten und Reaktionen auf die  Flüchtlingskrise beschäftigen die Kinder. Der zwölfjährige Francesco kritisiert »dass sie nicht in alle Länder rein dürfen, weil manche Länder das nicht wollen«. In den Aussagen mancher Kinder  finden sich auch Vorurteile wieder: »Wir reden auch immer drüber, dass die alles kriegen, Handys  und so, und auch viel besser bezahlt werden« (Katharina, 11 Jahre).

KINDER LEIDEN MIT

Die Schicksale der Menschen lösen bei Kindern Betroffenheit aus. Sie leiden mit, wenn Männer, Frauen und Kinder in Lebensgefahr sind, ihre Heimat verlassen müssen und auf der Flucht Kopf und Kragen riskieren. »Die kommen dann übers Meer und manche fallen da auch aus dem Schiff und sterben. Da ist ja auch ein Junge am Strand tot gelegen«, zeigt sich die zwölfjährige  Carolin tief erschüttert. Solche und ähnliche Szenen sind für Kinder schwer zu verkraften, weil sie  die Ereignisse in Bezug zu ihrem eigenen Alltag setzen. Ängste, von geliebten Menschen getrennt  zu werden und die eigene vertraute Umgebung  verlassen zu müssen, sind bei Kindern auch hierzulande präsent. Carolin macht das mit ihrer Aussage deutlich: »Die vermissen bestimmt auch ihr Zuhause, weil hier sind die ja komplett fremd und kennen nichts.«

Besonders die Tatsache, dass Altersgenossen unter den Folgen von Krieg und Vertreibung zu leiden haben oder sogar sterben, nimmt Kinder mit. Je jünger die Mädchen und Jungen sind, desto mehr brauchen sie Hilfe und Zuwendung, um solche schrecklichen Nachrichten zu verarbeiten. Kindern unter zwölf Jahren sollten drastische Bilder auf jeden Fall erspart bleiben.  Nachrichten wie RTL aktuell, die Tagesschau  oder das heute-journal sind keine geeignete Fernsehkost für sie.

WAS KINDER BRAUCHEN

Kinder im Vorschulalter haben Themen wie Flucht und Vertreibung eher weniger im Blick.  Wenn Fragen kommen, sollten Eltern trotzdem  reagieren. Für diese Altersgruppe ist eine Doku-Reihe gedacht, die unregelmäßig in der Sendung  mit der Maus zu sehen ist. Anschaulich und verständlich wird gezeigt, wie die junge Tiba mit ihrer  Familie nach Deutschland gekommen ist und was sie hier erlebt.

Tipps für Eltern

-> Kinder brauchen altersgerechte, differenzierte und verständliche Informationsangebote, gerade bei einem komplexen Thema wie Flucht und Migration. Gespräche in der Familie helfen Kindern, Medieneindrücke zu bearbeiten und Ängste in den Griff zu bekommen.

-> Gerade für ältere Kinder ist das Internet eine wichtige Informationquelle. Statt Tagesschau & Co. stehen bei ihnen YouTube und Facebook auf dem Programm. Umso wichtiger, den Mädchen und Jungen einen sensiblen Umgang mit Informationen im Internet nahe zu bringen. Dazu gehört es, Quellen sorgfältig zu prüfen, um nicht auf Hetze und Falschmeldungen hereinzufallen. Weiterführende Informationen dazu finden Sie zum Beispiel auf www.klicksafe.de oder www.jugendschutz.net.

 

Grundschulkindern liegt das Thema näher: Sie nehmen viel wahr, sei es durch die Medien, über  Kontakte in der Klasse oder im Sportverein. Umso wichtiger ist es, sie mit ihren Fragen nicht alleine  zu lassen. Antworten können interessante Beiträge im Kinderprogramm liefern, die man am besten gemeinsam anschaut. Besonders empfehlenswert sind Sendungen, die auf Kinder zugeschnittene Informationen liefern, etwa die Kindernachrichtensendung logo! (KiKA), das Magazin  pur+ (ZDF) oder die mit dem Kinderfernsehpreis EMIL ausgezeichnete Sendung Checker Extra – Warum so viele Menschen fliehen (KiKA). 

Je älter die Kinder werden, desto mehr wenden sie sich dem Erwachsenenprogramm zu und stoßen dort auf Informationssendungen, die nicht für sie  gedacht sind. Dabei profitieren auch Ältere von  logo!  und Co. Zum Beispiel der zwölfjährige Johann: weil da alles viel einfacher und verständlicher ist. Sie zeigen da immer kurze Zeichentrickfilme  und erklären das immer gut«. Für den gleichaltrigen Philipp ist noch ein anderer Aspekt bei logo! wichtig.  Er findet es toll, dass da gezeigt wird, »dass man eigentlich auch helfen kann, irgendwas spenden  oder so.« Selbst aktiv zu werden und sich zu engagieren ist für Kinder ein guter Weg, bedrückende Fernsehnachrichten zu verarbeiten.

Gerade für ältere Mädchen und Jungen ist das Zusammenleben im Alltag ein zunehmend wichtiger Aspekt: Wie können wir miteinander auskommen?  Welche Schwierigkeiten gibt es zu bewältigen? Für viele der befragten Kinder ist klar, dass das Thema mit der geglückten Flucht noch nicht beendet ist, sei es wegen sprachlicher oder bürokratischer Hürden oder aufgrund von unterschiedlichen Kulturen und Ansichten, die zu Konflikten führen können.  In diesem Zusammenhang gibt es auch Kritik an der Berichterstattung in den Medien: »Mir ist aufgefallen, dass in den Nachrichten viele negative  Sachen gezeigt werden und eigentlich nie irgendwas Positives mal gesagt wird über Flüchtlinge«,  stellt die zwölfjährige Anna fest. Dass der Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft bereichernd sein kann, zeigt zum Bei- spiel die Doku-Serie Berlin und wir im KiKA (siehe Interview).

Flucht im Fernsehen - ein Interview

Fragen an Eva Radlicki, die als Redaktionsleitung Infoprogramme/Kinder und Jugend im ZDF  Sendungen wie Berlin und wir, Löwenzahnlogo! und pur+ verantwortet.

Warum sollte man das Thema im Kinderfernsehen überhaupt aufgreifen?

Weil es ihnen in ihrem Alltag an jeder Ecke  begegnet. Kinder haben geflüchtete Mädchen und Jungen in ihrer Klasse oder Schule, die in ihrer Turnhalle gelebt haben oder der Wohnort hat Geflüchtete aufgenommen. Die Flüchtlinge sind im Leben der Kinder angekommen, das ist nicht entfernt oder abstrakt.

Was sollte aus Ihrer Sicht vermittelt werden?

Anfangs ging es darum, über Hintergründe von Flucht aufzuklären. Jetzt geht es darum, wie das Zusammenleben gelingen kann. Unsere Aufgabe als Fernsehmacher für Kinder ist es, Wissen zu vermitteln, aber auch Befürchtungen, Gerüchte und Kritik aufzugreifen. Außerdem gehört dazu, Orientierung zu geben, wie man kreativ zu einem friedlichen Zusammenleben beitragen kann. Die Anregung ist: Seid neugierig, man kann einen Gewinn davon haben. Ich denke, bei Berlin und wir ist das gelungen. Sobald man jemanden kennenlernt, ist derjenige kein abstrakter Flüchtling mehr. Durch die Kommentare der Kinder auf unserem Onlineangebotabe ich den Eindruck, dass die Message funktioniert hat: Man kann Spaß haben, wenn man aufeinander zugeht.

Auf was wird geachtet bei der Umsetzung?

Die Kinder müssen die Möglichkeit haben,  
das, was sie sehen, auf ihre eigene Erfahrung zu übertragen. Wenn ein Thema zu abstrakt ist, kann ich es nicht erfassen. Wir müssen klarmachen, da kommt jemand, der Freunde hatte, in der Schule war und von einem auf den anderen Tag weg musste, weil es eine schlimme Situation in dem Land oder Krieg gab. Wenn ich mir vorstellen kann, wie er die Zimmertür zum letzten Mal hinter sich schließt, dass er seinen Freunden nicht Tschüss sagen kann, da dafür vielleicht keine Zeit mehr ist – dann wird klar, was es bedeutet, geflüchtet zu sein. Das ist die emotionale Seite, die Empathie ermöglicht.

Wie gehen Sie mit kritischen Aspekten des Themas um?

Zur Berichterstattung gehört natürlich auch größtmögliche Sachlichkeit. Dabei ist es auch Aufgabe, sich Vorurteile vorzunehmen und Dinge ins richtige Licht zu rücken. Bei dem Stichwort Smartphone etwa zu erklären, dass das die einzige Verbindung nach zu Hause ist und hilft, die Flucht zu organisieren. Das löst einen Aha-Effekt bei Kindern aus.

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