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Fürs Fernsehen tun die alles – Was Kinder von Talentsuche und Dschungelcamps halten

04.10.2004

„Es gibt manche, die sagen es ist Schmarrn und die schauen sich das nicht an. Aber manche sind auch totale Fans davon, die sind begeistert" (Sandra, zwölf Jahre)*. Die Rede ist von neuen Formaten im Fernsehen, die in letzter Zeit immer wieder für Diskussionen sorgen, so genannte Realityshows wie „Big Brother" oder „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" und Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar". Gemeinsam ist diesen Sendungen, dass sich Menschen – egal, ob prominent oder unbekannt – vor laufender Kamera produzieren, sich Mutproben unterziehen, ihre gesanglichen und sonstigen Talente vorführen oder sich wochenlang mit anderen in einen Container sperren lassen. Für die ausstrahlenden Sender offensichtlich ein lukratives Geschäft, sonst würde nicht eine Kopie nach der anderen vom Stapel laufen. Diese Produktionen sind kostengünstig, machen dabei gute Quote und sichern auf diese Weise hohe Werbeeinnahmen. Mit den Songs der „Superstars" und Ex-Containerinsassen in den Charts und mit den Telefon-Votings (49 Cent pro Anruf) wird noch mal kräftig Kasse gemacht. Praktischer Nebeneffekt: Haben die Kandidaten einmal einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt, werden sie in anderen Shows herumgereicht und füllen die Sendeminuten der Boulevardmagazine. Aufmerksamkeit ist ihnen gewiss – auch bei Kindern.

Castingshows – Träume von der Stange

Mit „Deutschland sucht den Superstar" („DSDS") fing alles an. Seit Dieter Bohlen und seine Mit-Jury aus tausenden junger Leute den ersten Superstar" kürten, ist das Format „Castingshow" Dauergast im TV. Das Konzept ist schnell erklärt: Hoffnungsvolle Talente werden auf die Probe gestellt und müssen sich im gnadenlosen Wettbewerb gegen die Konkurrenz behaupten. Begleitet wird das Ganze von mehr oder weniger harschen und oft hämischen Kommentaren einer prominent besetzten Jury. Dass die Kritik bei „Deutschland sucht den Superstar" des Öfteren unter die Gürtellinie geht und wenig Rücksicht auf die Gefühle der Kandidaten nimmt, stört viele der befragten Kinder. Die 13-jährige Marie bringt es auf den Punkt: „Da hat sich der Dieter Bohlen mal über eine Kandidatin lustig gemacht und dann hat diejenige auch geweint. Das fand ich wirklich fies, weil, die haben das alles gefilmt und das stand am nächsten Tag auch in der Bildzeitung."
Für viele Kinder hat aber gerade diese Sendung auch ihre faszinierenden Seiten; vor allem die gesanglichen Darbietungen finden Anklang. Aber auch die Tatsache, dass man hautnah dabei ist, wenn aus ganz normalen Leuten „Stars" gemacht werden, finden Kinder faszinierend. So ist die elfjährige Maya begeistert, „dass auch so Leute, die man vorher überhaupt nicht kannte, und die haben dann plötzlich so eine tolle Stimme, dass die dann so ziemlich bekannt werden."

Egal, ob „DSDS", „Popstars" oder „Fame Academy", die Muster der Castingshows sind immer gleich. Aus pädagogischer Sicht sind drei Aspekte fragwürdig:

  • Bislang unbekannte Menschen werden öffentlich beurteilt und ausgesondert, nicht selten begleitet von Spott, Häme und Arroganz.
  • Die Zuschauer haben per Telefon die Macht, über Sieg oder Niederlage, über Ruhm oder Ausscheiden zu bestimmen und tragen so zum Ausleseverfahren bei.
  • Es wird suggeriert, dass jeder Mensch mit ein bisschen Talent in die Glitzerwelt des Showbusiness aufsteigen kann, wenn er oder sie nur hart dafür arbeitet und sich ohne Zögern den Anweisungen und Forderungen der Medienproduzenten unterwirft.

Realityshows – SpFiele ohne Tabus

Vor allem die Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" (RTL) hat Anfang des Jahres für heiße Diskussionen gesorgt. Eine Gruppe mehr oder weniger Prominenter stellte sich im australischen Dschungel ekelhaften oder gefährlichen Herausforderungen. So musste sich Caroline Beil (Ex-„Blitz"- Moderatorin) mit pickwütigen Straußen herumschlagen, während Daniel Küblböck (Ex- „Superstar") in einem Glassarg mit Kakerlaken übergossen wurde. Der Clou an der Sache: Die Fernsehzuschauer haben es mittels Telefon-Voting in der Hand, wer sich als nächstes zum Deppen machen muss. Genau dieses Gefühl von Macht bringt zusätzlichen Nervenkitzel. Was den Unterhaltungswert anbetrifft, ist das Kinderpublikum sehr gespalten: Die neunjährige Bettina etwa lässt ihrer Schadenfreude freien Lauf: „Na ja, die Kandidaten hatten alle total viel Angst, das hat man gemerkt und das fand man halt total lustig, wie die da reingegangen sind." Dass die peinlichen, gefährlichen oder ekelhaften Aufgaben ausgerechnet von Prominenten erduldet werden müssen, macht es für einige Kinder besonders spannend: „Ja, dass die Stars mal so ein bisschen was machen müssen. So wie Maden essen und so. Und auch mal ein bisschen geschunden werden." (Lars, zehn Jahre) Genau das geht anderen Kindern eindeutig zu weit: „Dass sie bei den Matches, dass die da manchmal so Tiere oder was essen müssen oder die Mutproben, das ist halt schon eklig. Das mag ich nicht." (Caroline, neun Jahre)
Neben den Mutproben ist es vor allem Zwischenmenschliches, was die Kinder bewegt. Sei es, dass sie sich von Gemeinheiten der Kandidaten untereinander distanzieren oder mitfühlen, wenn jemand von den anderen gemobbt wird oder wenn die „ganze Gruppe über eine lästert" (Nadine, 13 Jahre). Anderen wiederum gefällt das Zusammenleben der Kandidaten, das Gemeinschaftserlebnis und „dass die zusammenhalten und Teamarbeit zusammen nutzen", wie uns die neunjährige Sonja erklärt.

Auch die Realityshows weisen problematische Muster auf:

  • Die Teilnehmer sind nicht nur fortwährend einem Millionenpublikum ausgesetzt, durch die gestellten Aufgaben müssen sie sich beständig vorführen und entwürdigen lassen.
  • Viele Aufgaben stellen kalkulierte Tabubrüche dar, die mit Ekel und Ängsten der Teilnehmenden und der Zuschauer spielen.
  • Auch hier wird der Zuschauer in eine Machtposition manövriert, die ihn zum Herrn über das Schicksal der Teilnehmenden macht.

Eltern, Augen auf!

Die Fülle der neuen Formate ist schier unüberschaubar: Neben den Casting- und Realityshows gibt es z.B. Kuppelshows, in denen potenzielle Partner zusammengebracht werden, oder Sendungen, bei denen Familienangehörige, Arbeitsstellen oder anderes getauscht werden. Vorläufiger Höhepunkt sind Sendungen, die Menschen vor, während und nach Schönheitsoperationen auf dem Weg zum Wunschaussehen begleiten.
Werden Kinder mit all diesen Angeboten konfrontiert, sind vor allem zwei Aspekte problematisch: Zum einen wird ein Menschenbild vermittelt, das Heranwachsenden nicht zuträglich sein kann. Ist die Verlockung nur groß genug (Reichtum, Schönheit, Ruhm), kann man (beziehungsweise die Medienmacher) mit Menschen einfach alles anstellen. Keine Aufgabe ist zu erniedrigend, kein persönlicher Einsatz zu hoch, kein Opfer zu groß. Die zwölfjährige Anna zeigt sich bei „Big Brother" gerade von diesem Aspekt angetan, „weil die ja so kämpfen irgendwie, bei diesem Match, dass sie halt diese eine Millionen Euro am Schluss bekommen. Das find ich cool.“
Zum anderen belegen zahlreiche Aussagen, dass Kinder diesen Traum vom schnellen Ruhm für bare Münze nehmen und das Spiel für eine reale Option halten. So hat der neunjährige Sebastian klare Vorstellungen von seiner Zukunft bei „Deutschland sucht den Superstar“: „Ja, wenn ich groß werde, werde ich das auch machen. Ich guck die Sendung, weil ich später vielleicht auch so sein will wie Alexander. Und danach einfach auf die Bühne und danach ein Singleben, das will ich auch gern haben.“ Vor allem jüngere Kinder haben Schwierigkeiten, sich von diesen Traumbildern zu distanzieren. Älteren Kinder ist es eher möglich, den Reality-Zirkus zu durchschauen, gerade was die Geschäftemacherei mit den Votings angeht. „Erstens ist mir das Geld zu schade und zweitens bringt es ja auch nichts“, begründet der zwälfjährige Ronnie seine Abneigung gegen diese zweifelhaften Angebote.

In Zeiten des Reality- und Casting-Booms sind Eltern besonders gefordert:

  • Die neuen Formate erfordern ein waches Auge. Denn Kinder schauen hin und gehen im wahrsten Sinne des Wortes mit. Da heißt es, den fragwürdigen Botschaften der Reality-Formate humane und tragfähige Konzepte vom menschlichen Umgang entgegen zu stellen.
  • Außerdem gilt es aufzuklären, was hinter diesen Angeboten steckt, mit welchen raffinierten Methoden aus dem Traum vom schnellen Fernsehruhm und Reichtum Kapital geschlagen wird. Kindern kann man keinen Vorwurf machen, wenn sie sich von den Verlockungen der glitzernden Musik- und Medienwelt fasziniert zeigen. Umso wichtiger ist es, realistische Vorstellungen dagegen zu halten.

*FLIMMO hat 116 Kinder im Alter zwischen 7 und 13 Jahren in Hamburg, Berlin, Leipzig, Landau und München befragt.

Hier einige ausgewählte Ergebnisse aus der Befragung:

1. Auf die Frage, ob sie die folgenden Sendungen gucken oder geguckt haben, antworten von 116 Kindern mit „ja“:

Castingshows

Deutschland sucht den Superstar
Star Search
Popstars
Fame Academy
93%
72%
55%
31%

2. 93 Kinder gaben an, mindestens eine der Realityshows zu nutzen. Auf die Frage „Kannst du dich an eine Situation in der Sendung erinnern, die du fies oder gemein fandest?“ antworteten mit „ja“:

Realityshows

Big Brother
Ich bin ein Star - Holt mich hier raus
Fearfactor
Scare Tactics
71%
62%
22%
10%


7 - 10 Jahre
11 - 13 Jahre

Mädchen
88%
86%

Jungen
39%
63%

3. 112 Kinder gaben an, mindestens eine der Castingshows zu nutzen. Auf die Frage „Kannst du dich an eine Situation in der Sendung erinnern, die du fies oder gemein fandest?“ antworteten mit „ja“:


7 - 10 Jahre
11 - 13 Jahre

Mädchen
52%
63%

Jungen
41%
50%

4. Knapp die Hälfte der Kinder (56 von 116) ist der Meinung, dass man sich in diesen Sendungen etwas fürs „echte Leben“ abgucken kann,



Mädchen
57%

Jungen
40%

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