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Lästern, Lachen, Lust und Frust – Kinder und Comedy-Shows

02.10.2002

Wenn Stefan Raab den „Pulleralarm" auslöst, gibt es kein Erbarmen: Dann wird alles und jeder durch den Kakao gezogen, Showgrößen, Politik-Prominenz und Otto Normalverbraucher eingeschlossen. Beim erwachsenen Fernsehpublikum stoßen die Witze von Stefan Raab, Erkan & Stefan und ihresgleichen auf sehr geteiltes Echo: Die einen sind begeistert ob soviel Unverfrorenheit, Spontaneität und Respektlosigkeit, andere wenden sich ab mit Grausen.
Geschmacklos, pubertär, abstoßend und ekelhaft, so die Kritiker der Comedy-Shows. Seit dem Erfolg von „Samstag Nacht" auf RTL gibt es eine wahre Flut solcher Spaß-Sendungen im deutschen Fernsehen.
Eines haben Sendungen wie „Die Wochenshow", „TV total", „headnut.tv" und wie sie alle heißen, gemeinsam: Sie sind nicht für Kinder gemacht. Das sieht man an den Themen, die da zur Sprache kommen, aber auch an den Sendezeiten: So startet die „Bullyparade" erst um 21.45 Uhr, „TV total" und „Die Wochenshow" erst nach 22 Uhr,„headnut.tv" lief gar erst nach 23 Uhr. Trotzdem gab es bei verschiedenen Untersuchungen Hinweise darauf, dass zum Beispiel Stefan Raab nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Kindern als Kultfigur gilt. Für den FLIMMO Grund genug, eine Kinderbefragung zum Thema Comedy-Shows durchzuführen.

Was Kinder gucken ...

Wie meisten der befragten Kinder* sehen sich mehr oder weniger regelmäßig Sendungen des Genres Comedy-Show an. Genannt wurden am häufigsten „TV total", „Was guckst du?" und die „Bullyparade". Die späte Ausstrahlungszeit scheint für die meisten kein Hinderungsgrund zu sein. Viele der befragten Kinder sehen „TV total" und ähnliche Sendungen auch zu später Stunde, wesentlich weniger nutzen die Wiederholungen am Vormittag oder zeichneten die Sendung auf Video auf. Jüngere Kinder amüsieren sich gemeinsam mit den Eltern über die TV-Spaßvögel. Je älter die Kinder werden, desto mehr sitzen sie auch alleine vor der Glotze. Angesichts der späten Sendezeit ist das erstaunlich, denn nach 22 Uhr haben die unter Zwölfjährigen vor dem Fernseher eigentlich nichts mehr verloren.

... was sie lustig finden ...

Am besten kam bei der Befragung die „Bullyparade" weg. Egal ob Jungen oder Mädchen, die kurzen Sketche und Szenen der drei Komiker kommen an, besonders, wenn mit ständigen Rollenwechseln verschiedene „Originalsendungen" (Lars, zwölf Jahre) treffend veralbert werden. Die Abwechslung macht's, denn ob „Raumschiff Enterprise" oder „Winnetou", Werbung oder Fernsehsoaps - bekannte Fernseh-Highlights werden genüsslich auf die Schippe genommen.
Auch „Was guckst du?" mit Kaya Yanar und „TV total" mit Stefan Raab stehen bei vielen ganz oben auf der Hitliste der Comedy-Shows. Kaya, den Deutschen halb türkischer, halb arabischer Abstammung, findet Jaqueline (14) zum Piepen: „Es ist witzig, wenn jemand Deutsche und Ausländer verarscht, der selbst Ausländer ist, das hat was Ironisches und zeigt die Eigenarten."
An Stefan Raab beeindruckt den 14-jährigen Michael vor allem, dass „der sich was traut". Die „lustigen Einspieler", mit allen möglichen Missgeschicken und peinlichen Fernsehauftritten finden einige Kinder lustig, vor allem aber kommt die Abwechslung, die in „TV total" praktiziert wird, sehr gut an.
Stefan Raab als Moderator kann aber nicht bei allen Punkte sammeln. Dem elfjährigen Florian zum Beispiel ist Raab ein Dorn im Auge, denn „der sagt immer so böse Sachen zu den anderen, das gefällt mir nicht". Auch für Nikolas (13) hat die Sendung ihre Schattenseiten: „Sehr Verarschung ist nicht so schön. Den Leuten ist es bestimmt peinlich, wenn die im Fernsehen vorgespielt werden."
Über zwei Sendungen sind Mädchen und Jungen sehr unterschiedlicher Meinung: „headnut.tv" und „Ladykracher". Während „headnut.tv" vor allem bei den sieben- bis zehnjährigen Jungen gut ankommt, ärgern viele Mädchen die Macho-Sprüche und das frauenfeindliche Gehabe der obercoolen Abräumer Erkan und Stefan. Die 14-jährige Caroline etwa findet „headnut.tv" „asozial", denn sie kann gar nicht lachen, wenn „zum Beispiel Frauen immer als'Bunnies' bezeichnet werden."
Dagegen ist „Ladykracher" mit der quirligen Anke Engelke bei den Mädchen sehr beliebt, denn „die Kurzgeschichten sind klasse", das Ganze „hat Stil", so die zwölfjährige Miriam. Vor allem für die jüngeren Jungen ist Anke Engelke wiederum ein rotes Tuch. Wenn sich die Ulknudel über Männer und deren Marotten lustig macht, fühlen sich manche in ihrer Ehre gekränkt.

... und wo der Spaß seine Grenzen hat

Die Schmerzgrenze in Punkto Humor fällt bei den Kindern sehr unterschiedlich aus. Während einige Kinder (vor allem männlichen Geschlechts) die „krassen Sprüche" von Erkan und Stefan zum Totlachen finden und Stefan Raabs Gemeinheiten als „coole Späße" betrachten, sind andere bei derartiger Fernsehkost restlos bedient: Für die 13-jährige Tina ist Schluss, „wenn die Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden, wenn Witze über Leute gemacht werden, die es überhaupt nicht verdient haben. Da ist schon eine Grenze." Andere stört es, wenn „Ausländer mit den Witzen in den Dreck gezogen werden."
Auf wenig Gegenliebe stoßen im übrigen bei fast allen Kindern „Labersendungen" wie „7 Tage - 7 Köpfe" und vor allem „Die Harald Schmidt Show": „Die Witze versteht man schlecht, da muss man mehr nachdenken." Kein Wunder, denn rein verbaler Humor, Satire und Ironie sind Stilmittel, die erst im Jugendalter im wahrsten Sinne des Wortes ankommen.

FLIMMO-Kinderbefragung

*FLIMMO hat im Juni/Juli 2002 64 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren zum Thema Comedy-Shows befragt.

Aber auch wenn es um den eher infantilen Humor der „Bullyparade" geht, sollte Eltern klar sein, dass bei Kindern die Späße der Comedy-Shows anders ankommen als beim erwachsenen Publikum. Vor allem klischeehafte Darstellungen z. B. von „doofen Blondinen" oder „großmäuligen Ausländern" sind für Kinder nicht immer als Übertreibungen zu erkennen und können deshalb einem schiefem Menschenbild Vorschub leisten. Nicht umsonst sind die meisten Comedy-Shows am späteren Abend platziert. Wenn allerdings Privatleute zu Unterhaltungszwecken vorgeführt und lächerlich gemacht werden oder Minderheiten als Zielscheibe für Hohn und Spott herhalten müssen, hört der Spaß auf, egal ob Kinder vor dem Fernseher sitzen oder nicht.

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