Flimmo.tv
Suchen in:
Aktuelles TV-Programm Sendungsarchiv

Leben nach Drehbuch?! Scripted Reality im TV

01.05.2013
Flimmo Broschüre 1-2012

Kinder zwischen zehn und 13 Jahren sind "mittendrin": An der Schwelle zum Jugendalter sind manche eher noch Kinder, andere bereits richtige Teenager. Fragen zum Thema Partnerschaft und Liebe, aber auch zum menschlichen Miteinander insgesamt werden für sie zunehmend wichtig. Um sich zu orientieren, was im Erwachsenenalter auf sie zukommt, nutzen sie auch die Medien. Das Spektrum, das ihnen heute zur Verfügung steht, ist groß: Handy, Computer und Internet, aber natürlich auch das Fernsehen. Die Neugier, was sie in ihrem zukünftigen Erwachsenenleben erwartet, spiegelt sich in ihren Sendungsvorlieben: Sitcoms, Soaps oder Reality-Formate kommen an, das Kinderprogramm spielt in dieser Altersgruppe nicht mehr die Hauptrolle.

GfK-Quotenmessung vom 08.04.2013

Elf- bis 13-Jährige

Berlin – Tag und Nacht (RTL II): 23,1 % Marktanteil
Köln 50667 (RTL II): 20,3 % Marktanteil
Mitten im Leben (RTL): 15,0 % Marktanteil
Die Schulermittler (RTL): 16,8 % Marktanteil

 

Um immer auf dem Laufenden zu bleiben, nutzen sie verschiedene Kanäle: Auf der Internetseite von RTL II oder auf Facebook wird Berlin –Tag und Nacht weitererzählt. Für die zwölfjährige Livia zum Beispiel ist es wichtig, nichts zu verpassen: "Also, ich guck‘s fast jeden Tag, aber wenn ich halt keine Zeit hab, dann geh ich am nächsten Tag ins Internet und guck mir‘s da an".

"Das ist spannend, wie die leben!" - Faszination Reality?

Die Sendung Berlin – Tag und Nacht zeigt den Alltag zweier WGs in Berlin. Die jungen Bewohnerinnen und Bewohner sind klischeehafte Charaktere: Es gibt den väterlichen Typ, die Nette, den Chaoten usw. Dass die Figuren nicht echt im Sinne von "real" sind und die Geschichten nach Drehbuch ablaufen, ist den meisten der befragten Kinder nicht unbedingt klar. Für sie zeichnet die Serie die "Echtheit" aus.

Reality-Check: Was läuft?

  • Dokumentationen haben den Anspruch, die Geschichten vom realen Leben echter Menschen zu erzählen. Dabei sollte so wenig wie möglich manipuliert werden.
  • Doku-Soaps zeigen zwar auch "echte" Menschen in ihrem Umfeld, diese werden aber absichtlich in extreme Situationen gebracht wie etwa bei Frauentausch (RTL II).
  • Scripted Reality (engl. "script" = Drehbuch, "reality" = Wirklichkeit) überlässt nichts dem Zufall: Für Berlin – Tag und Nacht (RTL II), Die Schulermittler (RTL) oder Die Trovatos (RTL) gibt das Drehbuch vor, was gespielt wird. Damit es besonders authentisch wirkt, werden zur Rolle passende Laienschauspieler eingesetzt. Dazu kommt die Präsentation auf verschiedenen Plattformen, zum Beispiel bei Facebook, Twitter oder als App.

Für einige ist gerade das ein Grund, die Sendung regelmäßig zu verfolgen: "Wenn da nichts Echtes mit bei ist und nur gespielt ist, dann ist es ja doof" (Jennifer, 12 Jahre). Aber auch Mädchen und Jungen, die diese Echtheit anzweifeln, kommen mitunter durcheinander. Eine Gruppe von Mädchen etwa berichtet, dass die Darsteller tatsächlich in der WG wohnen und vom Fernsehteam Szenen vorgeschlagen bekommen, die sie nachspielen sollen. Auch die Auftritte der Darsteller auf Facebook, die sie in ihrer jeweiligen Rolle absolvieren, verwischen die Grenze zwischen Realität und Fiktion. "Zum Beispiel letztens war so ein Video drin, wo Fabrizio die Leute da um Rat gefragt hat, was er machen kann" (Leander, 14 Jahre).
Insgesamt zeigen sich Mädchen und Jungen gleichermaßen fasziniert von Berlin – Tag und Nacht. Es gibt aber auch Befragte, die die Sendung völlig ablehnen. Ein 13-Jähriger: "Ach, ist einfach nur totaler Müll, aus meiner Sicht." Bei einigen Kindern sind es vor allem die ständigen Konflikte, die sie an der Sendung stört. Außerdem werden übertriebene Aktionen und unrealistisches Verhalten kritisiert. "Ich find‘s einfach nicht schön, wie die sich die ganze Zeit anschreien. Wenn es einfach nicht so gespielt wär" (Dominic, 13 Jahre). Eine Einschätzung, die man aus pädagogischer Sicht nur unterstreichen kann.

"Der Ole ist der Coolste" - Fragwürdige Vorbilder

Weil alles wie Realität aussieht, ist für einige Kinder und Jugendliche das Verhalten der Figuren besonders interessant. Sie machen sich viele Gedanken über die Eigenschaften der WG-Bewohner, was sie erleben und wie sie damit umgehen. Dabei kommt es vor, dass sie Bezüge zu ihrem eigenen Leben herstellen. So berichtet ein Junge, dass WG-Papa Joe ihn an seinen eigenen Vater erinnert. Die Eigenschaften und Verhaltensweisen der Figuren werden mit dem eigenen Handeln verglichen: "Manche sagen immer, sie sind nicht so wie die im Fernseher, aber wenn sie es dann gucken, sagen sie: ‚Oh Gott, so bin ich auch immer‘", meint die 13-jährige Mariana. Für sie und andere Mädchen ihres Alters ist die Sendung wichtiger Bestandteil ihres Alltags, "weil man da was lernen kann". 

Eine der beliebtesten Figuren der Serie ist Ole. Der Möchtegern-Entertainer ist chaotisch, selbstverliebt und nicht gerade mit Intelligenz gesegnet. Sein Talent, immer wieder ins Fettnäpfchen zu treten und alles falsch zu machen, amüsiert die Mädchen und Jungen. Seine egozentrische Art und sein ständiges Versagen, spaltet das junge Publikum aber auch. Einige Kinder betonten, dass sie "so einen" nicht als Freund haben wollten.

Problemfall Facebook

Wer mehr über Berlin – Tag und Nacht wissen möchte, landet schnell auf der offiziellen Facebook-Seite. Auch ohne eigenen Account können Videos angeschaut und alle Beiträge gelesen werden. Eigentlich ist die Teilnahme beim sozialen Netzwerk Facebook erst ab 13 Jahren erlaubt. Tatsächlich sind dort auch viele Jüngere unterwegs. Eltern ist die Altersbeschränkung oft gar nicht bewusst. Ebenso wenig wie die Risiken und Probleme, die solche Dienste mit sich bringen können. Aufklärung bieten unter anderem www.jugendschutz.net und www.klicksafe.de.

Der Aussage "Da sieht man, wie das Leben so spielt" hat ein Großteil der befragten Kinder zugestimmt. Für einige ist dabei gar nicht so entscheidend, ob das Geschehen nun gespielt ist oder nicht. Ihrer Meinung nach wird das Leben so gezeigt wie es ist. Angesichts der dargestellten Geschichten stimmt dieses Meinungsbild nachdenklich: Die gezeigten Konflikte sind häufig an den Haaren herbeigezogen, die Figuren handeln planlos, jede Kleinigkeit wird dramatisiert, emotionale Ausbrüche sind an der Tagesordnung. Auch die Fixierung auf Äußerlichkeiten und der fragwürdige Umgang mit Beziehungen und Sexualität eignen sich kaum als alltagstaugliches Anschauungsmaterial für Kinder und Jugendliche.

Tipps für Eltern

  • Gerade bei älteren Kindern und Jugendlichen wecken Sendungen wie Berlin – Tag und Nacht großes Interesse. Sie sind neugierig, weil sie sich Anregungen für ihr eigenes Leben erhoffen: Wie muss ich mich verhalten, um beim anderen Geschlecht anzukommen? Welche Rolle passt zu mir? Wie verhalte ich mich in der Clique? Wichtig ist, gerade mit Fans der Sendung zu besprechen, was da als Normalität verkauft wird: In punkto Beziehungen, Zusammenleben und Rollenbilder.
  • Für Kinder und Jugendliche ist "Scripted Reality" besonders problematisch: Die Geschichten und Szenen werden von vielen als "echt" wahrgenommen. Umso größer ist das Risiko, dass Kinder Bezüge zu ihrem eigenen Leben herstellen und Vorurteile und Klischees als selbstverständlich hinnehmen. Deshalb sollten Eltern dem Nachwuchs die Machart bewusst machen. Das hilft den Mädchen und Jungen, solchen Sendungen nicht auf den Leim zu gehen.
  • Egal ob die Mädchen und Jungen die Inszenierung als angebliche Realität durchschauen oder nicht: Kinder brauchen Vorbilder und Bezugspersonen im echten Leben, mit denen sie sich über Beziehungsfragen, menschliches Miteinander und Lebensperspektiven austauschen können. Das gibt ihnen die Chance, fragwürdige Vorstellungen, die ihnen in den Medien begegnen, zu hinterfragen. Bleiben Sendungen wie Berlin – Tag und Nacht hauptsächliche Orientierungsquelle, wird es kritisch.

Das große MedienQuiz von FLIMMO und TLM

Google + FLIMMO App
 

Copyright © Programmberatung für Eltern e.V. 1997 - 2017

Zum Seitenanfang