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Liebe und Lust im Fernsehen – (K)ein Thema für Kinder?

02.06.2004

„Komplimente machen wirkt, merk dir das gleich!", so kommentiert der zwölfjährige Frederick eine Liebesszene im Fernsehen mit einem guten Tipp für seinen gleichaltrigen Mitgucker.* Das Film-Liebespaar hält sich nicht lange mit Vorreden auf, nach einer kurzen romantischen Sequenz landen die beiden im Bett. Was beim anderen Geschlecht wirkt oder nicht, interessiert heute Kinder schon in jüngeren Jahren als es bei der Generation ihrer Eltern oder Großeltern der Fall war. Die Pubertät setzt früher ein und Bilder und ,Anregungen' aller Art in Zeitschriften, Fernsehen und im Internet tun ein Übriges. Gerade beim Thema Sexualität brennt vielen Eltern die Frage unter den Nägeln, was den Heranwachsenden zuträglich ist und was nicht.

Gemischte Gefühle bei den Jüngeren

Schon das Nachmittags- und Abendprogramm im Fernsehen behandelt das Thema Liebe und Sex in aller Ausführlichkeit. Von Talkshow-Themen wie „Mein Freund ist pervers" oder „Ich strippe für mein Leben gern" über Beziehungsquerelen in Soaps à la „Verbotene Liebe" oder „GZSZ" bis hin zu Teenagerkomödien (z. B. „American Pie"): Liebe und Leidenschaft, Sexualität und Erotik sind in vielen Formen und unterschiedlichsten Zusammenhängen präsent. Für den zehnjährigen Mike ist dieses Überangebot eine Zumutung: „In jedem Film, in jeder Talkshow kommt da was. Weißt du ja nicht mehr, was du noch anschauen sollst." Solange das Thema für Kinder wie Mike keine Relevanz hat, schalten sie freiwillig weg, wenn „so Sexsachen" zu sehen sind. Klassische Liebesschnulzen wie „Der englische Patient" haben erst recht keine Chance, denn „da ist ja gar nichts drin, da ist ja nur Liebe drin", so der elfjährige Matthias. Wenn überhaupt, dann können sich ältere Grundschulkinder mit Angeboten arrangieren, die das Thema humorvoll verpacken, wie beispielsweise die Serien „Berlin, Berlin" (ARD) oder „fabrixx" (KI.KA). Schließlich wollen auch sie wissen, wie man sich später als junger Mann oder junge Frau verhält, wobei ihnen lieber ist, wenn es in der Sendung nicht „so richtig ernst wird".

Informationsangebote für Jugendliche im Internet:

www.loveline.de

www.sextra.de
www.lovespace.de
www.amorline.de

Zudem bieten verschiedene Einrichtungen Beratungsangebote für Eltern und Jugendliche vor Ort an, z. B. Jugendämter, Arbeiterwohlfahrt, Gesundheitsämter, Pro Familia, Diakonisches Werk, Deutsches Rotes Kreuz, Sozialdienst katholischer Frauen usw.

Zudem bieten verschiedene Einrichtungen Beratungsangebote für Eltern und Jugendliche vor Ort an, z. B. Jugendämter, Arbeiterwohlfahrt, Gesundheitsämter, Pro Familia, Diakonisches Werk, Deutsches Rotes Kreuz, Sozialdienst katholischer Frauen usw.

Die Älteren: Zwischen Skepsis und Erwartungshaltung

Bei Mädchen und Jungen ab zwölf Jahren beginnt die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema. Vor allem Fernsehen und Zeitschriften werden auf brauchbare Informationen und Orientierungsangebote abgeklopft. Dabei hat das Fernsehen bei vielen einen schlechten Ruf: „Filme wie 'Amercan Pie' finde ich eigentlich ziemlich lächerlich, weil da alles total übertrieben dargestellt wird, und das wahrscheinlich bloß, damit Jugendliche sich daran aufgeilen können" (Petra, 14). Die Einwände betreffen allerdings nicht nur solche komödiantischen Darstellungen, es gibt auch generelle Bedenken. „Das, was die im Fernsehen bringen, ist nicht aus dem Leben gegriffen", lautet der Vorwurf eines 14-jährigen Mädchens. Die Distanz zu romantischen Darstellungen in den Medien wächst mit der eigenen Erfahrung. „Ich kann mir da gar nichts abschauen. Früher, als ich so zwölf war, hab' ich mir das auch gedacht, das Küssen geht so, aber später war es dann doch ganz anders", meint ein 15-jähriges Mädchen. Auch Sabine, 14, hat beobachtet, dass die Inszenierung von Zweisamkeit in Film und Fernsehen nicht dem wirklichen Leben entspricht: „Im Fernsehen ist immer alles mit Musik. Und alles schaut so schön aus. Und in echt hat man keine Musik und es ist ganz anders". Vor allem, wenn eigene Erfahrungen fehlen, können Vorstellungen aus dem Fernsehen, wie man es „richtig macht", die Wahrnehmung der Heranwachsenden beeinflussen. So entstehen Erwartungshaltungen etwa an das „erste Mal", die der Realität selten standhalten können. Wo mediale Schablonen zum Maßstab werden, ist Enttäuschung vorprogrammiert.

Wo die Grenzen sind

Die Grenze zwischen harmloser Unterhaltung und fragwürdigen Darstellungen ist nicht immer leicht auszumachen. Dass Erotikfilme und -magazine, die nach 22 Uhr laufen, nicht für Kinder geeignet sind, versteht sich von selbst. Aber auch zu früherer Stunde gibt es Filminhalte und Darstellungsweisen, die den Heranwachsenden ein fragwürdiges Bild von Sexualität, Liebe und Partnerschaft liefern. Serien und Spielfilme, die Sex als zentrales Lebensthema ohne Bezug zu Gefühlen darstellen, vermitteln sicher kein gutes Vorbild. Zwar präsentieren Sendungen wie „Sex and the City" die sexuellen Eskapaden ihrer Protagonistinnen mit ironischem Augenzwickern. Für Kinder sind solche ironischen Brechungen aber meist nicht nachvollziehbar. Auch drastisch überspitzte Zoten wie in der Serie „Hausmeister Krause" (SAT.1) oder in Spielfilmen wie „Ballermann 6" beinhalten fragwürdige Orientierungsangebote, jenseits der Frage des guten Geschmacks. Manche Erwachsenen mögen es lustig finden, wenn Frauen als Ware oder Männer als triebgesteuerte Idioten diskriminiert werden, oder wenn der sexuellen Umgang auf unterstem Niveau karikiert wird. Kindern sollte solches Anschauungsmaterial erspart bleiben.

Besonders problematisch sind fragwürdige Bilder von Sexualität in Formaten, die Realitätsnähe und Authentizität vorgaukeln. Schließlich sind Heranwachsende eher geneigt, diesem vermeintlich echten Blick auf die Welt Glauben zu schenken. So benutzen Sendungen wie „Freunde, das Leben beginnt" oder „Die Abschlussklasse" (PRO 7) Klischees von Jugendlichen, die außer Sex, Beziehungen und Oberflächlichkeiten nichts im Kopf haben. Dem jungen Publikum wird nahe gelegt, dass sich im Leben von Heranwachsenden alles nur um „das Eine" dreht. Diese unzutreffende Vorstellung in Kombination mit der dokumentarischen Aufmachung („Reality-Soap") kann bei Kindern und Jugendlichen ein schiefes Bild entstehen lassen. Ähnliches gilt für Talkshows: „Ja, Arabella finde ich interessant, das sind ja echte Leute, die da reden" (Caroline, zwölf Jahre). In sexualpädagogischen Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen (siehe Kasten) zeigt sich, dass daraus Verunsicherung entstehen kann, was eigentlich als normal zu gelten hat.

Informationsangebot für Eltern

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Körper, Liebe, Doktorspiele. Ein Ratgeber zur kindlichen Sexualentwicklung.

Bezug:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung,
Osterheimer Straße 220, 51109 Köln
Tel.: 0221 / 8992 - 0
Internet: www.bzga.de oder www.sexualaufklaerung.de

Warum Eltern gefordert sind

Dass sich Kinder ab einem bestimmten Alter für Liebe und Sexualität interessieren und auch die Medien als Informations- und Orientierungsquelle nutzen, ist eine Tatsache, der man sich stellen muss. Gerade weil sie im Fernsehen einiges geboten bekommen, was sie überfordern oder ihnen verzerrte Vorstellungen vermitteln kann, brauchen Heranwachsende Begleitung und Ansprache, insbesondere von Personen, denen sie vertrauen. Sonst besteht die Gefahr, dass mediale Bilder zum selbstverständlichen Maßstab und zur Norm für den eigenen Umgang mit Liebe und Sexualität werden. Von Jugendlichen ist bekannt, dass sie Szenen aus Serien oder Filmen zum Anlass nehmen, um sich im Freundeskreis über Klischees lustig zu machen oder auch ernsthaft über Mädchen und Jungs, Gefühle und Sexualität zu diskutieren. Auch als Eltern kann man die Eindrücke aus dem Fernsehen nutzen, um diese Themen anzusprechen und sich gemeinsam über Vorstellungen und Sichtweisen Gedanken zu machen. Wer unsicher ist, wie die Sache richtig anzupacken ist, dem können Beratungsseiten im Internet, Broschüren oder Beratungsangebote verschiedener Institutionen eine Hilfe sein (siehe weiter unten).

Interview mit dem Sexualpädagogen Sebastian Kempf von Pro Familia in München:

Sind Heranwachsende im Zeitalter von Fernsehen und Internet besser aufgeklärt als früher?
Besser würde ich nicht sagen, eher anders. Ihr Wissen ist oft auf Oberflächliches beschränkt, es gibt mehr Stichwort- und Schlagwortwissen, zum Beispiel können die meisten Achtklässler Begriffe wie Sado-Maso oder Domina erklären. Doch wenn es um Grundwissen wie Aufbau des Körpers, Zeugung von Kindern oder Verhütung geht, sind große Wissenslücken festzustellen.

Beziehen die Kinder und Jugendlichen ihr Wissen auch aus dem Fernsehen?
Auf jeden Fall. Was in Soaps und dergleichen vorkommt, wird zum Teil als bare Münze genommen. Aber gerade auch Themen in Talkshows führen zu Verunsicherung. Wenn wir irgendetwas sagen, zum Beispiel zum Thema Penisgröße, dann kommt: „Aber Arabella hat gesagt ..." Die Kinder haben da teilweise ganz unrealistische Vorstellungen. Auch andere Medien werden studiert: „Bravo" ist immer noch sehr beliebt. Die Antworten des Dr.-Sommer-Teams sind zum großen Teil aus fachlicher Sicht okay. Das Problem ist, wie mit Sexualität sonst im Heft umgegangen wird. Da heißt es etwa: Wie mache ich mich besonders schön und wo muss ich mich überall rasieren als Mädchen, um den Jungs zu gefallen? Das setzt natürlich Standards für jemand, der 13 ist und die „Bravo" als Informationsquelle ansieht. Aus unserer Sicht ist das äußerst heikel.

Was brauchen Heranwachsende, um ein gesundes Bild von Sexualität und Liebe entwickeln zu können?
Es ist ganz wichtig, dass Eltern gesprächsbereit sind, um den Kindern mit Erklärungen zur Seite zu stehen und sie darauf hinzuweisen, was realistisch ist und was nicht. Aber auch der Biologieunterricht ist hier gefordert und sollte Heranwachsende konsequent über die Jahre begleiten. Ganz wichtig sind seriöse Beratungsangebote, wo Jugendliche sich anonym mit ihren Fragen hinwenden können und brauchbare Antworten finden, egal ob per Internet, Hotline oder Broschüren. Gerade für Jungen, die seltener zugeben, dass sie ein Problem haben, sind solche Angebote wichtig.

* FLIMMO hat sich mit 16 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 16 Jahren zum Thema Liebe und Sexualität im Fernsehen unterhalten und dabei auch Ausschnitte aus einschlägigen Sendungen gezeigt.

Das große MedienQuiz von FLIMMO und TLM

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