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Mit der Soap durch dick und dünn

05.06.2001

„Die Freunde halten immer zusammen", antwortet die zwölfjährige Nicole auf die Frage, was ihr an der Serie „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" am besten gefällt. „Die Freunde", das sind Flo, Nataly, Andy und wie sie alle heißen. Sie sind die Stars der Seifenoper (oder, wie man einfach sagt: Soap) „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten" (kurz „GZSZ"). Für Nicole sind diese jungen Leute nicht nur irgendwelche Serienfiguren, sondern gute Bekannte, mit denen sie vor dem Bildschirm durch dick und dünn geht – Freunde eben.
Mit ihrer Haltung ist Nicole nicht alleine: Die Soaps stehen vor allem bei den neun- bis 13-Jährigen ganz oben auf der Fernseh-Hitliste. Manche Erwachsenen können das nur schwer verstehen: Klischeehafte Dialoge, unterdurchschnittliche Schauspielerinnen und Schauspieler und billige Pappkulissen, so lautet das niederschmetternde Urteil von Seiten älterer Skeptiker. Den meisten (angehenden) Teenagern ist's egal: Besonders die Mädchen sind begeistert von den Geschichten rund um Freundschaft, Liebe, Eifersucht und andere alltägliche Dramen. Alltagsnähe ist das Stichwort: junge Menschen wie du und ich, eine alltagsnahe Umgebung, Themen und Probleme, wie sie überall vorkommen können.

„Wie im echten Leben" gehe es bei „Marienhof" zu, meint auch die elfjährige Mareike. Und um eine Soap wie „Marienhof" richtig genießen zu können, muss man dieses 'echte Leben' in Serie mitleben, man muss 'drin' sein und natürlich so oft wie möglich gucken.

Die beliebtesten Soaps der Neun- bis 13-jährigen:

  • Gute Zeiten - Schlechte Zeiten
  • Marienhof
  • Verbotene Liebe

Schließlich ist es ziemlich schwierig, bei den vielen Figuren und Handlungssträngen den Überblick zu behalten. Deshalb will ein echter Fan auch keine Folge verpassen. Und damit es wirklich richtig spannend bleibt und alle der nächsten Folge entgegenfiebern, gibt es am Ende immer den so genannten 'Cliffhanger': Im aufregendesten Moment bricht die Handlung ab – die Auflösung gibt's erst in der nächsten Folge. Das 'Drinsein' beschränkt sich dabei für die Soap-Begeisterten nicht allein aufs Fernsehen: Die Mehrfachvermarktung ihrer Stars in Zeitschriften, Büchern, Musik-CDs oder Computerspielen lässt die Herzen höher schlagen.

Liebe und Beziehungen mit allem Drum und Dran

Unter den eingefleischten Soap-Fans sind deutlich mehr Mädchen als Jungen. Kein Wunder, was das Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen angeht, sind die Mädchen einfach früher dran. Sie wollen wissen, wie Frauen und Männer miteinander klarkommen und wie ihre eigene Rolle im Miteinander der Geschlechter aussehen könnte. Der elfjährigen Sophie hatte es bei „GZSZ" vor allem das Liebespaar Nataly und Ricky angetan. Wie die beiden ihre Probleme anpacken, gefällt ihr besonders: „Er verschweigt ihr viel. Wenn sie das rauskriegt, dann gibt es wieder ein bisschen Streit. Dann lässt er sich wieder etwas einfallen. Irgendeine Musik ... da hat er sich dann ein Lied ausgedacht, und das hat er dann ihr vorgesungen. Dann haben sie sich wieder versöhnt." Ein Konflikt, der sich wie in dieser Szene einfach in Luft auflöst, ist in den Soaps völlig normal. Ein kleines Liedchen oder ein paar Blümchen, und schon ist wieder alles eitel Sonnenschein. Kinder und besonders soapbegeisterte Mädchen, die dieses Idealbild für bare Münze nehmen, können damit ihre Schwierigkeiten kriegen: Der musikalische Märchenprinz mit Lausbubencharme und Waschbrettbauch ist nun mal in der Wirklichkeit schwer zu finden. Gerade wenn die eigenen Lebensumstände alles andere als rosig sind, sind diese Fantasievorstellungen verlockend. Das Ende vom Lied sind permanente Frust-Erlebnisse, weil das eigene Leben und vor allem die eigene Beziehung ganz und gar nicht nach dem gezeigten Strickmuster verläuft. 

Ein aufschlussreicher Blick in die nahe Zukunft

Das sind die Soaps für viele Mädchen und Jungen. Die älteren Kinder wollen wissen, wie das ist, als Teenager bzw. junge Erwachsene mit allen Herausforderungen fertig zu werden, die sich ihnen stellen. Konflikte und Versöhnung, Intrigen und Beziehungen, Liebe und Sex sind Themen, die in Kürze bei ihnen auf der Tagesordnung stehen. Also muss man sich informieren, wie der Hase läuft. Da ist jede Informationsquelle recht, das Fernsehen allemal, bietet es doch Anschauungsmaterial, mit dem nicht jeder Alltag aufwarten kann. Im Zentrum des Interesses der angehenden Teenager steht das soziale Miteinander: „Die Freundschaft und Hilfsbereitschaft in einer Gemeinschaft" sind für die 13-jährige Isabella ein wichtiges Element von „Unter uns". Was tun, wenn eine Beziehung in die Brüche geht, wenn einem eine gute Freundin oder ein guter Freund plötzlich eröffnet, dass sie/er unsterblich verliebt ist, oder schlimmer, wenn man selbst unglücklich verliebt ist? Was tun, wenn man von der Clique plötzlich geschnitten wird, wenn ein Schicksalsschlag alle Pläne über den Haufen wirft? Solche oder ähnliche Fragen werden in den Soaps zur Genüge aufgegriffen. Die angebotenen Lösungswege bieten allerdings kaum tragfähige Modelle für das 'echte Leben'. 

Alles nur Seifenblasen?

Die meisten Kinder können zwischen dem 'echten Leben' und der Welt der Soaps durchaus unterscheiden. Auch solche, die sich „GZSZ" oder „Verbotene Liebe'' 'reinziehen'. Denn für viele haben die Geschichten um Liebe, Eifersucht und Streitereien einen hohen Unterhaltungswert – und nichts weiter. Gibt es für die Kinder aber nichts wichtigeres als die tägliche Ration Soap und kommen ihnen die Geschichten wie 'in echt' vor, können Eltern schon mal den einen oder anderen kritischen Anstoß geben. Heike, eine Mutter zweier soapbegeisterter Kinder, bringt dieses Thema aufs Tapet: „Wenn ich das so sehe: Jeder besorgt jedem einen Job, im richtigen Leben ist das nicht so. Alle haben eine eingerichtete Wohnung, die meisten Studenten, sag ich mal, haben keine eigene Kohle – wo kommt da das ganze Geld her? Das hatten wir auch schon das Thema, da haben wir uns auch unterhalten." So ein Gespräch kann ein guter Ausgangspunkt sein, sich mal ausführlicher übers Erwachsenwerden zu unterhalten und über das, was da so alles auf einen zukommt. Kinder wollen und brauchen Orientierungshilfen beim Großwerden. Und sie setzten sich mit Lebensmodellen

*Der Artikel enthält Ergebnisse aus:

„Lehrstücke für's Leben in Fortsetzung - Serienrezeption zwischen Kindheit und Jugend", eine Studie des JFF im Auftrag der BLM.

auseinander, die ihnen – unter anderem – in den Soaps vorgeführt werden. Für Eltern bieten Diskussionen z. B. über  „GZSZ" eine gute Gelegenheit, sich zusammen mit den Kindern über unterschiedliche Lebenskonzepte Gedanken zu machen. Wichtig ist die Bereitschaft, sich mit dem Lebensgefühl und den Sichtweisen des pubertierenden Nachwuchses auseinander zu setzen. So können die Eltern den Kindern eine Hilfestellung bieten, eigene Vorstellungen von 'ihrem' zukünftigen Leben zu entwickeln.

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