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MTV und Viva – Problemfall Musiksender?

01.09.2010
Flimmo Broschüre 2-2010

Für viele Mädchen und Jungen gehören Musiksender zum Teenageralltag, aber auch Kinder bleiben gelegentlich bei MTV und VIVA hängen. Für die Altersgruppe zwischen zehn und 14 Jahren stehen MTV und VIVA zumindest ab und zu auf dem Programm.* Was vielen Eltern nicht klar ist: Die Zeiten, als dort hauptsächlich Musikvideos ausgestrahlt wurden, sind längst vorbei. Nur noch am Vormittag und Spätnachts laufen die Clips, das restliche Programm ist mit Doku-Shows und Zeichentrickserien wie "South Park“ bestückt. Die Doku- und Show-Formate auf MTV werden im Original mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt. VIVA füllt das Programm mit bekannten Sendungen wie der Soap "Lotta in Love" oder der Zeichentrickserie "SpongeBob" auf. Daneben gibt es sogenannte Call-in-Sendungen. Hier werden Zuschauer aufgefordert, kostenpflichtige SMS-Dienste zu nutzen, etwa um Votes abzugeben, Horoskope abzurufen oder Klingeltöne zu abonnieren.

Die 5 bekanntesten Sendungen bei Kindern zwischen zehn und 14 Jahren*

  • Next (MTV)
  • Desaster Date (MTV)
  • Date My Mom (MTV)
  • Playboy Mansion (VIVA)
  • Exposed (MTV)

 

 

Was läuft denn da? Bei MTV und VIVA

"Die erzählen ja was von sich. Ob sie mit jemandem zusammen waren oder ob sie zum Beispiel Sex hatten. Das gefällt mir.“ (Daniela, 13). Kinder finden es generell spannend, zu sehen, was sie im zukünftigen Teenagerleben erwartet. Und natürlich machen Programmangebote besonders neugierig, die bei Älteren ankommen. Schließlich wissen die am besten, was cool und angesagt ist. Kein Wunder also, dass ab einem gewissen Alter auch die Doku-Shows bei VIVA und MTV beäugt werden. Diese Sendungen liefern aus pädagogischer Sicht allerdings mehr als fragwürdige Wertvorstellungen:

 Bully Beatdown

Jugendliche Schlägertypen, die andere tyrannisieren
(Bully = engl. für Tyrann, Schläger), müssen in einer Kampfarena gegen Profi-Kämpfer antreten. Verliert der Bully, können seine Opfer ein Preisgeld einstreichen. Die brutale "Abreibung“ wird von den Anfeuerungsrufen eines johlenden Publikums begleitet.

 Schadenfreude
"Das ist eigentlich ganz lustig, wenn die es nicht kapieren, dass sie eigentlich verarscht werden.“ Die elfjährige Melanie kann sich köstlich über die Sendung "Desaster Date“ amüsieren. In der Sendung werden ahnungslose junge Leute bei einer gestellten Verabredung in haarsträubende Situationen manövriert. Scherze auf Kosten anderer, das Vorführen von Ahnungslosen oder Rache an vermeintlichen Übeltätern gibt es in den Doku-Shows zuhauf. Ein besonders drastisches Beispiel ist die Sendung "Bully Beatdown" (siehe Kasten).

Beim zwölfjährigen Tim kommt es gut an, „dass da einfach mal die Schläger zusammengeschlagen werden.“ Nach dem Motto Auge um Auge, Zahn um Zahn werden die Rachefantasien von Gewaltopfern als Unterhaltungsshow inszeniert. Dass der Gewinn für die Opfer umso höher ausfällt, je mehr der Bully einstecken muss, ist schlicht zynisch.

Playboy Mansion

Drei junge Gespielinnen von Playboy Hugh Hefner bieten einen sehr privaten Einblick in ihr Leben auf dem riesigen Hefner-Anwesen. Die Kameras begleiten die Frauen von der Umkleidekabine bis hin zu großen Partys mit Stars und Sternchen.

Schönheitsideale
Vor allem Frauen werden in vielen Sendungen auf Äußerlichkeiten reduziert. Die Rolle als Sexsymbol spielen Idole wie Paris Hilton perfekt. Als Vorbilder für junge Mädchen taugen solche Inszenierungsformen von Weiblichkeit kaum. In Sendungen wie "America‘s Next Topmodel“ wetteifern junge Kandidatinnen um den Einstieg ins Model-Geschäft, die passenden Körpermaße und Attraktivität vorausgesetzt. Auf die Spitze getrieben wird das Prinzip Fleischbeschau von der Sendung "Playboy Mansion“ (siehe Kasten). Der elfjährigen Janet gefällt es trotzdem: "Es ist irgendwie cool. Naja, ich finde auch die Musik ganz gut und es ist auch immer lustig.“

A Shot at Love with Tila Tequila

Das bisexuelle Model Tila Tequila sucht den Mann oder die Frau fürs Leben. Vor laufenden Kameras lässt sie 32 Bewerber in schrägen Wettbewerben gegeneinander antreten und treibt amouröse Spielchen. Am Ende jeder Folge scheidet eine der Bewerber aus.

Sex, Liebe, Leidenschaft

Gut die Hälfte der befragten Kinder schaut eine oder mehrere Dating-Shows wie "Next“ oder "Date My Mom“ (siehe Kasten). Gemeinsam ist diesen Sendungen, dass äußerst oberflächliche und abwegige Vorstellungen von Liebe und Zweisamkeit vermittelt werden. Bei Tila Tequila (siehe Kasten) geht es besonders freizügig zu. Einige der befragten Kinder stoßen an ihre Grenzen: "Sich da so viele Frauen zu nehmen und mit jeder mal zu küssen und mit jeder mal ins Bett zu gehen. Das find ich schwachsinnig.“ (Nora, 13 Jahre)

Je älter die Kinder werden, desto eher sind sie in der Lage, das Geschehen kritisch zu reflektieren. Der 13-jährige Nico bringt seine Irritation über das Programmangebot von VIVA und MTV auf den Punkt:

Next

Einem Single werden fünf Blind-Date-Kandidaten präsentiert, die er oder sie nacheinander treffen kann. Hat dieser genug von seinem Dating-Partner, kann er ihn mit dem Ausruf "Next!“ (engl. für "Nächster“) wegschicken. Für jede durchgehaltene Minute werden die Teilnehmenden mit Geld belohnt.

"Da testen die, was alles mit Menschen geht, und das finde ich ziemlich abartig.“ Und die 14-jährige Claudia stellt den Realitätsgehalt der Doku-Shows in Frage: "Es ist halt alles so gespielt und das merkt man auch. Echt doof und dann sind die so fies.“

Eltern aufgepasst: kein Kinderprogramm

Vor allem bei MTV ist Provokation Programm. Der Sender richtet sich an Jugendliche, die sich naturgemäß vom Geschmack und den Vorstellungen der Erwachsenen abgrenzen wollen. Grenzüberschreitung und Anstößiges gehören für viele dazu. Da kommen "Schocker“ wie "Bully Beatdown“ gerade recht. Die Eltern schlagen ob des Gewaltspektakels die Hände über dem Kopf zusammen,"Mission Provokation“ erfolgreich.   

Miriam, 13 Jahre, über die Dating-Show "Next“ (MTV)

"Das nervt mich voll, wenn ich Musik gucken will, und dann kommt so was!“

Problematisch wird es, wenn Kinder damit konfrontiert werden. Während es den Jugendlichen mit zunehmendem Alter und Medienerfahrung gelingt, auch "Bully Beatdown“ und Co. richtig einzuordnen, ist das bei den Jüngeren kaum zu erwarten. Überforderung und Irritation sind die Folge, wenn Gemeinheiten, Gewalt oder sexualisierte Darstellungen unkommentiert bei Kindern ankommen. Deshalb sollte ihnen das fragwürdige Anschauungsmaterial am besten vorenthalten werden. Mit zunehmendem Alter fordern die Heranwachsenden mehr Freiheiten in punkto Fernseh- und Medienumgang, mit Verboten kommen Eltern dann kaum mehr weiter. Umso wichtiger, auch mit Jugendlichen über kontroverse Medieninhalte zu diskutieren und damit "am Ball“ zu bleiben. In Gesprächen über Schönheitsideale und Wertvorstellungen können mediale Vorbilder und die dort vermittelten Vorstellungen relativiert werden. Heranwachsende, die früh lernen, Medieninhalte kritisch zu hinterfragen, sind auch in Zukunft gegen problematische Darstellungen eher gefeit.

*FLIMMO hat 76 Kinder zwischen zehn und 14 Jahren zum Thema Musiksender befragt.

Das große MedienQuiz von FLIMMO und TLM

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