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Nicht von schlechten Eltern – Fernseherziehung in der Familie

02.07.2008

Auf die Frage, welche Sendungen der fünfjährige Max denn am liebsten sieht, antwortet Familienvater Heinz mit Überzeugung: „Meine Kinder gucken nur 'die Maus'."* Auch wenn manche Eltern glaubhaft versichern, dass daheim nur Kindgerechtes auf dem Programm steht, die Aussagen von Kindern sprechen häufig eine andere Sprache. So oder so, das Thema Kinder und Fernsehen bewegt viele Eltern. Sei es, weil es immer wieder zu Konflikten kommt, sei es, weil Eltern befürchten, dass die Mädchen und Jungen durch das Fernsehen überfordert werden oder sich durch übermäßigen Konsum von der bunten Medienwelt „einlullen" lassen. Oder weil die Geschwister ständig miteinander im Clinch liegen, ob denn nun „Marienhof" oder „SpongeBob" auf dem Programm stehen soll, wodurch der Familienfrieden mitunter empfindlich gestört wird. Manche Eltern reagieren mit strengen Regeln, andere glauben, dass ihre Kinder schon selbst herausfinden können, was gut für sie ist. Eines ist unstrittig: Das Fernsehen und der

* FLIMMO hat Eltern von Kindern im Alter zwischen drei und 13 Jahren zum Thema Fernsehumgang in der Familie befragt.

** Die Daten stammen aus der Studie KIM 2006 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, die jährlich Daten zum Medienumgang von Kinder zwischen drei und 13 Jahren veröffentlicht. Die Studie kann unter www.mpfs.de eingesehen werden.

 

 

Umgang mit Medien wird in der Familie gelernt, denn hier findet fast immer der erste Kontakt mit den Medien statt. Egal, ob die Hörkassette oder das  Fernsehen, Medien sind in deutschen Haushalten flächendeckend verbreitet. Es gibt kaum mehr einen Haushalt, in dem kein Fernseher steht. So gut wie alle Haushalte, in denen Kinder leben, sind mit Telefon, Handys, Radio und CD-Playern ausgestattet. Auch die neuen Medien wie Computer, Spielkonsolen und Internet sind bei mindestens drei Viertel der Familien mit Kindern vorhanden.** Ob Kinder einen sinnvollen, selbstständigen und verantwortungsvollen Umgang mit den Medien lernen, hängt in erster Linie davon ab, wie gut sie im Elternhaus auf die Medienwelt vorbereitet werden. Das wiederum hängt davon ab, wie mit dem Thema Fernsehen, Computer und Co. im Familienalltag umgegangen wird.

Fernsehen im Familienalltag – Reizquelle oder Babysitter?

Das Fernsehen hat im Familienalltag ganz unterschiedliche Funktionen: Zum einen ist es – neben anderen Medien – ein Mittel, um sich zu unterhalten und zu informieren. Je nach Alter, Geschlecht und Geschmack der einzelnen Familienmitglieder gehen die Meinungen, was unterhaltsames oder informatives Programm ist, weit auseinander. Während die Erwachsenen die „Tagesschau", den „Tatort", Politmagazine oder Realityshows ansteuern, haben die Kinder ganz andere Programmvorlieben. Gibt es im Haushalt nur einen Fernseher, stellt sich täglich die Frage, wer über das Programm bestimmen darf. Eine gängige Praxis ist es, bis zu einem festgelegten Zeitpunkt Kinderprogramm laufen zu lassen. Das Abendprogramm bleibt dann den Erwachsenen vorbehalten, während die Kinder mit Spielen, Lesen oder zu-Bett-gehen beschäftigt sind. Für manche ältere Kinder ist das gemeinsame Fernsehen mit den Erwachsenen an den Wochenend-Abenden ein Highlight. Vorausgesetzt, dass ein geeignetes Familienprogramm kindgerechte Kost bietet, wie z. B. Familienfilme wie „Findet Nemo", Fernsehshows wie „Wetten, dass …?" Oder „Frag doch mal die Maus". Manche Eltern weichen den Konflikten um die unterschiedlichen Fernsehvorlieben einfach aus, indem sie ihren Kindern ein eigenes Fernsehgerät spendieren. Eltern sollte allerdings klar sein, dass Kinder, die ein eigenes Fernsehgerät besitzen, im Durchschnitt länger und häufiger fernsehen. Außerdem ist die Kontrolle der Inhalte, die auf dem eigenen Fernseher gesehen werden, bedeutend schwieriger.

In manchen Familien dient das Fernsehen auch dazu, den Alltag zu strukturieren: Bei jüngeren Kindern ist zum Beispiel das „Sandmännchen" als Tagesabschluss ein liebgewonnenes Ritual, bei einigen älteren Kinder sind etwa Soaps tägliche Fernsehkost, vor oder nach dem Abendessen. Je nachdem, wie stark sich solche Rituale verfestigen, kann es nicht schaden, die eingefahrenen Gewohnheiten von Zeit zu Zeit zu überprüfen und den Kindern gegebenenfalls Alternativen zum routinemäßigen Fernsehkonsum aufzuzeigen. Zwei Funktionen des Fernsehens sind aus pädagogischer Sicht eindeutig abzulehnen: Der Fernseher als Babysitter und als Erziehungsinstrument.
Auch wenn es mitunter verlockend erscheint, schon kleinste Kinder mit dem TV ruhigzustellen: Diese Methode darf keine Dauerlösung sein, denn gerade jüngere Kinder brauchen Unterstützung, um Gesehenes zu verarbeiten und profitieren am meisten von gemeinsamen Fernseherlebnissen. Das Fernsehen als Erziehungsinstrument sollte ebenfalls tabu sein. Wer Fernsehkonsum als Belohnung oder Bestrafung funktionalisiert, riskiert, dass das Fernsehen in den Augen von Kindern unverhältnismäßig bedeutsam und reizvoll wird. 

Eltern betreiben Fernseherziehung – Bewusst oder unbewusst

„Adrian verlangt häufig nach dem Fernsehen, daher brauchen wir genaue Regelungen, was wann gesehen werden darf. Das sind harte Kämpfe, aber ich bleibe konsequent" (Marianne, 38 Jahre, Mutter zweier Söhne). Wie sorgfältig und konsequent die Fernseherziehung betrieben wird, hängt im Wesentlichen von der Einstellung der Eltern und den Lebensbedingungen der Familie ab. Sind eine oder mehrere Personen erwerbstätig? Wie ist die finanzielle Situation? Gibt es ein oder mehrere Kinder? Gibt es Unterstützung durch andere Familienmitglieder? Bei den meisten befragten Familien wird der Fernsehkonsum des Nachwuchses zeitlich und/oder inhaltlich reguliert. Das Spektrum der Vorgaben ist unterschiedlich: Mal dürfen die Kinder nur zu bestimmten Zeiten fernsehen, oder sie haben eine bestimmte Zeitvorgabe, an die sie sich halten müssen. Eine der befragten Familien hat sich eine besonders kreative Methode ausgedacht: Die sechs und achtjährigen Kinder bekommen Zeitgutscheine, die sie für das Fernschauen, Gameboyspielen etc. einlösen können. Damit haben die Eltern den übermäßigen Medienkonsum in vernünftige Bahnen gelenkt. Außerdem lernen die Kinder mit dieser Methode, die ihnen zur Verfügung stehende Zeit bewusst zu planen und einzuteilen. Die Gespräche mit den Müttern und Vätern zeigten, dass sie gerade bei jüngeren Kindern den Fernsehkonsum steuern und begleiten, den Kindern mit zunehmendem Alter aber auch mehr Selbstständigkeit zugestehen. Für einige Eltern sind nicht nur die zeitlichen Regelungen wichtig, sondern sie achten auch darauf, was ihre Kinder anschauen bzw. nicht anschauen sollen. Wichtig ist ihnen vor allem, dass in den Sendungen der Kinder keine Gewalt vorkommt, „nichts mit Schießen" oder „mit Blut". Häufiger Streitpunkt sind die Lieblingsfiguren der Kinder, an denen sich Diskussionen entzünden. So ist der achtjährige Chris kaum von seinen Vorlieben für kampferprobte Superhelden abzubringen. Wenn keine drastische Gewalt vorkommt, ist seine Mutter bereit, Kompromisse einzugehen, „wenn es nicht zu wild ist, es muss aber kindgerecht sein. Die Kinder müssen sich ja auch ausleben und sollen auch mal Spaß haben." Das Thema Fernsehkonsum kann längst nicht mehr abgekoppelt vom Umgang mit Medien- und Konsumwelten behandelt werden. Das PC-Spiel zum Film, das Heftchen zur Zeichentrickserie oder Spielzeug und praktische Produkte wie Trinkflaschen sind mit den Lieblingsfiguren der Kinder versehen. Dadurch werden nicht nur Wünsche nach mehr geweckt, auch die Bindung an Figuren, Themen und Sendungen wird intensiver. Entsprechend nachhaltiger dringen die Medienfiguren und -botschaften ins Alltagsleben von Kindern heute ein. Manche Kinder kommen dadurch überhaupt erst in Berührung mit bestimmten Inhalten aus Film und Fernsehen, die ganz und gar nicht altersgerecht sind wie etwa die Helden aus „Herr der Ringe“.

 Tipps für die Fernseherziehung zu Hause

Die Umgangsweisen und Erziehungsstile sind so unterschiedlich und vielfältig wie die Familien(-konstellationen) selbst. Einfache Rezepte für den richtigen Umgang mit dem Fernsehen gibt es deshalb nicht. Trotzdem lassen sich einige Leitlinien festhalten, die als Grundlage für die familiäre Fernseherziehung dienen können:

  • Kinder brauchen Vorbilder und Orientierung. Lassen Sie die Jungen und Mädchen nicht mit den Eindrücken des Fernsehens, der Computerspiele und dergleichen alleine. Thematisieren Sie die Fernseh- und Medienvorlieben der Kinder und nehmen Sie Anteil an ihrer Sichtweise.
  • Kinder brauchen altersgerechte Angebote. Wichtig bei der Auswahl ist, dass gemeinsam die „richtigen Sendungen" ausgesucht werden, die einerseits Kinder nicht überfordern, andererseits den Geschmack der Kinder treffen.
  • Fernseh- und Medienerziehung kann nur gelingen, wenn die Bezugspersonen von Kindern an einem Strang ziehen. Sprechen Sie sich mit Verwandten, befreundeten Eltern und pädagogischen Fachkräften ab, was gesehen werden darf und was nicht.
  • Machen Sie sich klar, dass sich Kinder schon sehr früh über das Fernsehen hinaus in den Medienmarkt begeben. Regelungen zu anderen Medien und Konsumwünschen sollten ähnlich wie die Fernseherziehung frühzeitig thematisiert werden.
  • Um sich unabhängig vom Senderhythmus von Serien und Ähnlichem zu machen, können Aufzeichnungen auf Video oder DVD hilfreich sein. Außerdem genießen es vor allem jüngere Kinder, ihre Lieblingsfilme oder -serien mehrmals anzuschauen.
  • Inhaltliche Vorlieben der Kinder können den Familienalltag bereichern, wenn Sie daraus ein Gemeinschaftserlebnis machen.
  • Ein Wochenplan mit Zeitkontingent kann einen sinnvollen Orientierungsrahmen bieten. Schalten Sie sich aber auch bei der inhaltlichen Ausgestaltung der jeweiligen Sehzeiten ein.
  • Wenn das Fernsehen die Freizeit und das Denken von Kindern übermäßig beansprucht, ist es notwendig, klare Grenzen zu ziehen. Übermäßiger Medienkonsum kann auch ein Hinweis darauf sein, dass Kinder unter Alltagsproblemen und Ängsten leiden. Wenn die Flucht in die Medienwelt außer Kontrolle gerät, sollten Sie erwägen, pädagogische Fachkräfte (z. B. Erziehungsberatungsstellen) zu Rate zu ziehen.

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