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Talkshows – Tagesgespräch auch für Kinder?

10.06.1999

„Wenn Leute Probleme haben, zum Beispiel, wenn welche nicht klar kommen miteinander, dann gehen sie zur Talkshow und wollen, dass es die ganze Welt oder ganz Deutschland erfährt." Treffend beschreibt eine 13-Jährige, worum es bei „Arabella Kiesbauer", bei „Hans Meiser" und „Sonja" und all den anderen Talkshows geht. Zwölf solcher Sendungen tummeln sich derzeit im Tagesprogramm, und wer nachmittags durch die Programme zappt, hat kaum eine Chance, ihnen zu entkommen. Geredet wird dort über Gott und die Welt oder, besser gesagt, über alles, wozu „Menschen wie du und ich" was zu sagen haben: über Streitigkeiten in Familie und Ehe, über Geschmacksfragen, körperliche Besonderheiten, über die Liebe und über Erotisches. Allerdings geht das Reden über derlei Dinge in den seltensten Fällen friedlich vonstatten, im Gegenteil. Anschreien, Beleidigen und Niedermachen - was im richtigen Leben verpönt ist, gehört in den Talkshows zum „guten Ton". Die Gäste geifern um die Wette, das Studiopublikum johlt, und dann fließen bei dem einen oder anderen Gast auch schon mal Tränen. Denn vor allen Leuten zu streiten oder seine Seele zu entblößen, ist eben doch nicht jedermanns Sache. Moderatorin bzw. Moderator fühlen sich in solchen Fällen keineswegs immer bemüßigt, Peinlichkeiten aufzufangen. Oftmals wird statt dessen der Zoff noch kräftig geschürt, denn - so die These - das bringt dem Fernsehpublikum gute Unterhaltung und dem Sender Quote.
Talkshows sind in den letzten Jahren immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten: wegen Tabuverletzungen in den Gesprächsinhalten und wegen des würdelosen Umgangs mit Menschen. Zwar gelobten die Privatsender im vergangenen Jahr Besserung und legten sich freiwillige Verhaltensgrundsätze hinsichtlich Inhalten und Moderation auf, doch die Einsichten scheinen nur von kurzer Dauer gewesen zu sein, denn nach einer kleinen Verschnaufpause sind die Talkshows schon wieder Tagesgespräch. Und so stellt sich vielen Eltern erneut die Frage, ob diese nachmittäglichen Veranstaltungen für ihre Sprößlinge zum Problem werden können. Eine Sorge, die angesichts mancher Vorkommnisse nicht ganz unbegründet ist.

Wie aber stehen Kinder zu Talkshows? Im FLIMMO wurden diese Sendungen bislang nicht berücksichtigt, denn gesichertes Wissen dazu, ob und wie sie beim Kinderpublikum ankommen, gibt es kaum. Um aber wenigstens erste Hinweise zu den Sichtweisen der Kinder zu erhalten, hat der FLIMMO Mädchen und Jungen zwischen sieben und 13 Jahren dazu befragt, ob sie sich Talkshows überhaupt ansehen und wenn ja, was sie daran gut finden und was nicht. 

Nicht alles kommt an – Bei Talkshows sortieren Kinder gründlich aus

Kinder unter zehn Jahren haben mit Talkshows nicht viel am Hut. Das Gerede finden sie schlichtweg „langweilig", und es ist ihnen ziemlich egal, worum es dabei geht. Anders sieht es bei den zehn- bis 13-Jährigen aus. Fast alle kennen Talkshows, und fast alle gucken mehr oder weniger regelmäßig rein - aber nicht in jede. „Hans Meiser" und „Ilona Christen" machen keinen Stich: Die Themen zu „uninteressant" und die Leute „zu schrullig alt". Ganz anders die Talkshows „Arabella Kiesbauer" und „Andreas Türck": Eine flotte Moderatorin, ein flotter Moderator, junge Gäste und vor allem Themen, die dem nahe kommen, was das junge Publikum im Alltag beschäftigt. Familie, Liebe, Freundschaft, Outfit ... das spielt im Leben der älteren Kinder schon eine Rolle, und „Arabella Kiesbauer" und „Andreas Türck" bieten genau die richtige Mischung; deshalb haben sie ihre Fans auch schon bei den Kindern, die nach der Schule was „vom richtigen Leben" erfahren wollen. 

Ein bisschen Zoff, aber keine Beleidigungen – Was Kindern an Talkshows gefällt und mißfällt

Wenn es in Talkshows zur Sache geht, „reden die Leute alle durcheinander" und „sagen ihre Meinung offen", so charakterisieren manche Kinder diese Sendungen. Die Einen finden die Auseinandersetzungen vergnüglich, die Anderen sehen in ihnen eine Art Lebenshilfe und schätzen es, dass dort „Probleme von Menschen" zur Sprache kommen, die „auch manchmal gelöst werden". Den Streitereien würde der Fernsehnachwuchs aber auch gern Grenzen setzen. Kritisch sieht er es, wenn sich die Talkgäste „nur noch anschreien", „mit Ausdrücken beleidigen" oder einzelne lächerlich gemacht werden. Das Verhalten der Moderation kann ebenfalls Mißfallen provozieren, zum Beispiel, „wenn die Gäste weinen müssen" und nur mit einem „Jetzt beruhig dich wieder" abgefertigt werden. Dass das mit dem Sich-Beruhigen nicht so einfach geht, wissen Kinder nur zu gut.

„Mutti, mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen"

-  bei Hans Meiser geschah das in der Sendung am 10.05. auch handgreiflich. Und ein Millionenpublikum verfolgte das Geschehen, darunter etliche Kinder. Der Unterschied zu sonstigen Talkshows: Hier wurde geschauspielert. Das aber erfuhr man erst im Abspann. Mal Schauspieler, mal „echte Menschen" als Talkgäste: Da kann dem Fernsehnachwuchs (und nicht nur ihm) leicht Wirklichkeit und Erfundenes durcheinander geraten. Dabei bergen die Talkshows auch ohne solche „Moderatorenscherze" schon genug Ecken und Kanten

In den Kritikpunkten der Kinder finden sich die „Ecken und Kanten", die Talkshows aus FLIMMO-Sicht bergen können. Hinzu kommen andere, die Kinder noch gar nicht so genau formulieren können. Wenn, zum Zwecke der Unterhaltung, emotionale Ausnahmesituationen von Menschen ausgenutzt werden, wenn Talkgäste gar absichtlich in peinliche, schwer zu ertragende Situationen gebracht werden, stellt sich die Frage, ob das noch etwas mit einem menschenwürdigen Umgang zu tun hat. Inwieweit jedoch Kinder den Talkshows, deren Inhalten ebenso wie den Gesprächsdarbietungen, fragwürdige Orientierungen entnehmen, darüber weiß man - wie gesagt - bislang noch wenig. Die FLIMMO-Befragung konnte dazu wenigstens erste Anhaltspunkte liefern, und was die ab Zwölfjährigen betrifft, so werden im Sommer 1999 die Ergebnisse einer Untersuchung erwartet. Für die Jüngeren allerdings stehen solche Studien noch aus.

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