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Terror im TV – Was Kinder erzählen

07.02.2002

„Die Berichte waren schlimm, weil es immer wieder dasselbe war. Immer wieder die selben Bilder. Auf Dauer wurde es immer schlimmer. War heftig.“ Die Ereignisse des 11. September 2001 hat Michaela (13) im Fernsehen gesehen. Live und in Farbe, eine Endlosschleife der brennenden Zwillingstürme des World Trade Center, die schließlich in sich zusammenstürzten. Nicht nur Michaela, fast alle der 62 Mädchen und Jungen, die Ende letzten Jahres von uns befragt wurden, haben von den Attentaten im Fernsehen erfahren und die Bilder sind noch im Kopf. Der grausamen (Fernseh-)Realität war (und ist) kaum zu entkommen und Kinder können davor gar nicht abgeschirmt werden. Umso wichtiger ist es, über die Art und Weise der Berichterstattung – zum Ereignis selbst aber auch zu dessen Folgen – nachzudenken, auch und gerade im Bezug auf Kinder. Denn sie haben ein Recht auf Information, besonders in Ausnahmesituationen wie im September letzten Jahres. Auf Information, die ihnen weiterhilft, die Welt um sie herum zu begreifen, solche Geschehnisse zu bearbeiten und kritische Fragen zu stellen. 

Bescheid wissen, was passiert ist

„Gut ist, dass die gleich sagen, was passiert ist. Dass es nicht nur die wissen, die da waren, sondern, dass es auch hierher kommt.“ Der neunjährige Dirk hat die Anschläge zusammen mit seiner Mutter vor dem Fernseher verfolgt. Viele der befragten Kinder fanden es gut, dass die Ereignisse „sofort“ berichtet wurden, dass „alles gezeigt wurde“, was geschehen war. Über die Art der Darstellung gehen die Meinungen allerdings auseinander. Einige loben, dass die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wurden, damit man sich ein „besseres Bild“ machen kann. Dass es immer die gleichen Bilder waren, fanden manche unerträglich: „Die Berichterstattung war ziemlich extrem, es war schon fast zuviel, weil jeder Fernsehsender dasselbe gebracht hat. Immer wieder aufgekocht, niemand wusste was.“ So beschreibt die 13-jährige Anna ihre Eindrücke. Die gleichaltrige Claudia: „Der Marathon ging dann los, mit jedem Tag 15 Stunden darüber. Man muss es nicht tausendmal wieder sehen. Man hat immer nur alles von Seiten der Amerikaner erzählt. Es wäre schon interessant gewesen, warum da jemand einen Grund hatte, dies zu tun. Das hat man nicht erfahren.“

Endlos „heftige“ Bilder

Nicht nur das Übermaß an Bildern, sondern auch die Bilder selbst, wurden von Kindern kritisiert: Silke (13) „fand’s schlecht, dass man verblutende Menschen gezeigt hat und dass die Menschen aus den Fenstern gesprungen sind. Ich finde, das muss man nicht zeigen, vor allem, wenn Kinder zugucken“. Die siebenjährige Aline war entsetzt: „Eigentlich fand ich die Fernsehberichte schlecht, weil ich bin es nicht gewöhnt, so gruselige Sachen anzuschauen.“ Kein Wunder, wenn vor allem jüngere Kinder angesichts der zusammenstürzenden Türme, Menschen, die in den Tod springen, Verletzten und Sterbenden überfordert sind. Besonders die unter Zehnjährigen haben kaum eine Chance, diese Bilder zu bearbeiten, geschweige denn, die Informationen hinter den Bildern zu begreifen. Sie beziehen die gezeigten Ereignisse unmittelbar auf sich, der Terror kommt ihnen im wahrsten Sinne ganz nahe: „Ich hatte nur so ein Gefühl, dass da jemand von meiner Familie drin war und dann habe ich geweint, aber eigentlich hab ich gewusst, dass da niemand drin war“ berichtet die siebenjährige Jessika. Eltern sollten wissen: Drastische Bilder in den Nachrichten können Kindern schwer zu schaffen machen, egal ob es um die unbegreiflichen Ereignisse des 11. September geht oder um „normale“ Katastrophen, Kriege oder Unfälle. 

Viele sind drangeblieben

Auf die Frage, ob sie das, was nach den Terrorakten in der Welt geschehen ist, verfolgt hat, antwortet die achtjährige Tina: „Eigentlich nicht, weil es Angst macht.“ Im Gegensatz zu ihr erklärten jedoch mehr als die Hälfte der befragten Kinder, dass sie sich über die Folgen der Ereignisse weiterhin im Fernsehen informieren. Um was es dabei geht, beschreibt der neunjährige Erik: „Die vernichten jetzt die Afghanistaner, endgültig, bis auf den letzten, hat dieser Bush gesagt.“ Das Bombardement der Amerikaner in Afghanistan, die Suche nach Osama bin Laden, die Angst vor neuen Terroranschlägen und die Trauerfeierlichkeiten samt Benefizkonzerten sind vielen Kindern im Gedächtnis. Auch was die Information über diese Folgen angeht, äußerten vor allem ältere Kinder Kritik. Einseitige Berichterstattung ist ein Kritikpunkt: „Manchmal sieht man nur vom Flugzeug aus, wie das so alles ist, aber bei vielen sieht man gar nicht, wie das alles verwüstet ist. Man will schon sehen, wie es der Bevölkerung jetzt geht“ erklärt uns der elfjährige Florian. Matthias (13) entrüstet sich über mangelnde Hintergrundinformationen und die unverständliche Darstellung in einer Nachrichtensendung, die er gesehen hat: „Der Bericht wirft mehr Fragen auf, als dass er beantwortet.“ 

„logo!" macht’s richtig

Besser als die Nachrichten für die Erwachsenen macht es nach Meinung der neunjährigen Laura die Kindernachrichtensendung „logo!": „Ich hab das in 'logo!' geguckt und fand gut, dass die das so machen, dass es die Kinder auch verstehen.“ FLIMMO kann sich ihrer Meinung nur anschließen: Sowohl die Sondersendungen direkt nach dem 11. September als auch die weitere Berichterstattung haben ein dickes Lob verdient: Statt das Publikum mit immer den gleichen drastischen Bildern zu schrecken, konzentrierte man sich auf Hintergrundberichte und auf die Veranschaulichung von Zusammenhängen. Und vor allem ging „logo!" auf das ein, was Kinder am meisten bewegt: Auf den Bezug zu ihrem eigenen Leben, den die Mädchen und Jungen klären müssen, damit sie solche Ereignisse bearbeiten können. So wurde zum Beispiel gezeigt, wie deutsche, amerikanische und auch afghanische Kinder von den Ereignissen betroffen waren, wie sich ihr Leben verändert hat und wie sie damit fertig werden. Wie er die Folgen der Ereignisse am eigenen Leib zu spüren bekommt, berichtete uns der zehnjährige Murat, ein Junge aus der Türkei: „Manche sagen in der Schule zu den Moslems, ihr seid Terror, das finde ich nicht gut“. 

Kinder beständig begleiten

Bei allem Lob für „logo!": Die Befragung hat auch gezeigt, dass nur wenige Kinder dieses Angebot tatsächlich nutzen. Lediglich fünf der 62 Kinder informieren sich mehr oder weniger regelmäßig bei „logo!". Ein Grund dafür ist sicherlich der Sendeplatz, wochentags um 17.20 Uhr im KI.KA. Wünschenswert wären kindgerechte Nachrichten auch zu Sendezeiten, zu denen Kinder hauptsächlich vor dem Fernseher sitzen, nämlich am Abend. Kindernachrichten hin oder her: Zwei Drittel der Befragten schauen – zumindest gelegentlich – Nachrichten des Erwachsenenprogramms, meistens zusammen mit den Eltern. Das sollten die Sender gerade bei der Berichterstattung solch schrecklicher Ereignisse wie in den USA berücksichtigen. Und die Erwachsenen müssen sich klar machen, dass Kinder Ansprechpartner brauchen, die sich mit ihnen über die Grausamkeiten, die in der Welt geschehen, auseinander setzen und ihnen gegebenenfalls mit emotionaler Unterstützung zur Seite stehen.

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