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Voll das Leben? – Kinder, Jugendliche und Big Brother

14.06.2000

„Ein Held unserer Zeit" – fett prangt die Schlagzeile auf der Titelseite der Tageszeitung. Der Held ist Zlatko, und wer den nicht kennt, der hat in den letzten Wochen kein Radio gehört, keine Zeitung gelesen und erst recht nicht ferngesehen. Stichwort „Big Brother". Zlatko ist einer von den zehn Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Hürther Wohncontainer. Dort, „wo man leben soll, wie man sich fühlt", ohne Kontakt zur Außenwelt und ganz in der Gewissheit, „nie allein zu sein". Zlatko ist jetzt berühmt und mit ihm sind es Kerstin, Manu, Alex, Jürgen, John, Sabrina ... und RTL II. Der Medienrummel um den „TV-Knast" oder den „berühmtesten Käfig Deutschlands" sucht seinesgleichen. Kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo zu lesen, zu hören oder zu sehen ist, was im und um das „Big-Brother"-Haus vor sich geht und was davon zu halten sei. RTL II ist's recht. Denn auch wenn Kritik an einer derartigen Sendung oder Spott über die Mitwirkenden laut werden, „Big Brother" bleibt im Gespräch, und das bringt Quote. Damit sich daran nichts ändert, hält der Sender sein Publikum bei der Stange und vermarktet die Containergemeinschaft nach allen Regeln der Kunst. Das Hochglanzmagazin zur Sendung machte den Anfang, es folgten eine CD, ein Spiel, Autogramme ohne Ende, eine Sendung für und mit Zlatko und immer wieder: Talks, Talks und noch mal Talks.
Was Erwachsene von „Big Brother" halten, erfuhr man in den vergangenen Wochen zur Genüge. Fachleute aller Art taten ihre Meinung kund, und auch der eine oder andere Politiker hielt das für angebracht. Nur von Kindern und Jugendlichen – wie wir wissen, Expertinnen und Experten, wenn's ums Fernsehen geht – war bisher nichts zu hören. Nun hat FLIMMO sie befragt: Ob sie sich „Big Brother" ansehen, und wenn ja, was sie gut daran finden und was nicht. Ein Ergebnis gleich vorweg: Bei Kindern im Grundschulalter macht „Big Brother" keinen Stich. „Was die da reden" im Haus, ist ihnen schlicht zu langweilig. Junge Leute im Teenageralter – und solche, die kurz davor stehen – lockt die Sendung jedoch vor den Bildschirm. Drum kommen dieses Mal im FLIMMO Mädchen und Jungen zwischen elf und 16 Jahren zu Wort.

Die Meinung von Kindern und Jugendlichen, warum die Sendung „Big Brother" heißt:

  • „Weil RTL der große Bruder ist" (Alexander, 15)
  • „Der letzte, der übrig bleibt, ist Big Brother" (Lamis, zwölf)
  • „Dass wir alle miteinander leben müssen, wie Brüder vielleicht" (Elena, 14)
  • „Große Brüder sind immer die Bewacher von kleinen Brüdern, und so ist es halt auch, der Bewacher schaut auf die kleinen Brüder" (Anthony, 16)
  • „Das heißt ja großer Bruder. Und das soll heißen, dass die zusammenhalten sollen wie Brüder und Schwestern" (Isabell, elf)
  • „Wegen dem Buch 1984" (Laura, 16)

Sehen, wie es anderswo zugeht ...

„Es ist interessant zu sehen, wie sich die Leute verhalten, was sie reden, wie sie zusammenleben, sich streiten und Freundschaften schließen." Für Elena (14) ist Neugierde der Grund, warum sie sich „Big Brother" ansieht. Damit steht sie nicht alleine. Auch die anderen Elf- bis 16-Jährigen wollten sehen, wie „es anderswo zugeht", wie andere (erwachsene) Menschen sind, was sie bewegt, was sie denken, fühlen und wie sie miteinander umgehen. Kurz: An „Big Brother" versuchen Heranwachsende das ‚richtige Leben' zu studieren und ihre Vorstellungen vom näher rückenden Erwachsenendasein auszubauen. Eine Soap, die Alltag mit „echten Menschen, nicht mit Schauspielern" täglich ins Wohnzimmer bringt, trifft da für viele ins Schwarze. Denn hier können Menschen wie du und ich „sagen, was sie denken", und es ist „nichts gestellt". Absolute Gegner wie Georg (13), der „Big Brother" „einfach nur blöde" findet, waren denn auch die Ausnahme. Den meisten erging es wohl eher wie Nina (elf): „Wenn man es einmal gesehen hat, muss man es immer wieder gucken." Schließlich wachsen einem die Leute ans Herz, „man lernt sie besser kennen" und will nicht „verpassen, wie's weitergeht". Gelungene Serienbindung nennt man das.

Die Neugierde hat Grenzen

So sehr Kinder und Jugendliche am alltäglichen Leben anderer Menschen interessiert sind, ihre Neugierde hat klare Grenzen. Eine solche Grenze ist eindeutig erreicht, wenn Intimes über den Bildschirm flimmert. Sexszenen, auch wenn diese nur unter der Bettdecke zu vermuten sind, kommen gar nicht gut an. Besonders den Elf- bis 13-Jährigen geht das zu weit. Einige Jugendliche sehen dabei auch die Privatsphäre verletzt: „Wenn die miteinander schlafen, dann geht das keinen etwas an", bringt ein 16-Jähriger das auf den Punkt. Der indiskrete Gafferblick der Kamera beim Duschen oder „Umziehen im Schlafzimmer" provoziert ebenfalls Unmut. Vor allem bei den Mädchen, was einen guten Grund hat, denn die Containerbewohnerinnen sind besonders begehrte Objekte der Kamera. Neben der Schlüssellochguckerei entzündet sich die Kritik des jungen Publikums auch am Miteinander der Kandidatinnen und Kandidaten. Wenn im Wohncontainer „ordentlich gelästert" wird und sich „die Leute gegeneinander aufhetzen", hörte für die Teenager der Spaß auf. Dass solches Verhalten ganz schön verletzend sein kann, wissen sie nur zu gut. „Es wird noch viel Tränen geben, auch viel Streit", lautet die Prophezeiung eines Jungen. Falsch liegt er damit nicht. Dafür sorgt schon RTL II. 

Wer ist hier eigentlich echt?

Der Sender hat kräftigen Anteil daran, wie sich das Leben im Container gestaltet. Warmes Wasser zum Duschen gibt's pro Tag nur eine Stunde, und das zu immer wieder anderen Zeiten. Die Wochenaufgaben erweisen sich mitunter als schier unlösbar, und das lässt das Haushaltsgeld der Gemeinschaft schrumpfen. Die Themen der allabendlichen Diskussionsrunden sind vorgegeben, zu spontanen Festen wird aufgefordert ... Beständig diktiert RTL II den Frauen und Männern, „so zu leben, wie sie sich fühlen"!? Nein: So zu leben, wie der Sender es will, damit das Publikum gebannt am Bildschirm bleibt und Quote bringt. Ruhe und Harmonie sind dafür wenig geeignet; wenn's kracht und knistert, hat das Fernsehpublikum spannende Unterhaltung. Das sehen auch die meisten befragten Mädchen und Jungen so. Doch nicht allen gelingt es, sich die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fernsehwelt immer bewusst zu machen. Vor allem den Jüngeren fällt das schwer. Verwunderlich ist das nicht. „Big Brother" kommt daher wie eine Soap (nennt sich ja auch Reality-Soap). Folglich wird die Sendung auch gesehen wie eine Soap, als „coole Serie", die am Leben anderer teilhaben lässt. Dabei gerät dann schon mal in Vergessenheit, dass Zlatko, Manu, Kerstin, Jürgen oder Sabrina keine Rollen wie die Schauspielerinnen und Schauspieler in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten" spielen, sondern Zlatko, Manu, Kerstin, Jürgen oder Sabrina sind. Dabei gerät auch in Vergessenheit, dass RTL II aus 23 Stunden Leben im „Big-Brother"-Haus (eine Stunde ist ohne Beobachtung) die ‚Highlights des Tages' zusammenstellt. Der Maßstab dafür ist nicht, wie die Frauen und Männer wirklich sind, sondern wie der Sender meint, wie sie vom Publikum wahrgenommen werden sollen. Dann werden Jürgen und Sabrina zu kölschen Frohnaturen mit Hang zum Zotigen, wird Manu das Dummchen und Zlatko der ‚ehrliche Junge' aus dem Volk, als der er jetzt vermarktet wird. Also doch nur Spielfiguren, die am Schneidetisch geschaffen werden? Wenn auf der einen Seite in Daily Soaps das Leben ‚wie in echt' von Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt wird, wenn auf der anderen Seite in Reality-Soaps wie „Big Brother" das Leben von wirklichen Menschen am Schneidetisch gemacht wird, dann kann dem Publikum schon mal was durcheinandergeraten, nicht nur Kindern und Jugendlichen. 

Kein Ende in Sicht

Wie immer, wenn eine Sendung Quote bringt, wird sie nicht einmalig bleiben. So wird auch zu „Big Brother" bereits die Fortsetzung organisiert. Und da im Quotenrennen keiner hintan stehen will, haben andere Sender auch schon was in petto: „Die Insel", „Expedition Robinson", „Der Maulwurf "... – FLIMMO rät da:

  • Augen offen halten, was sich in der Fernsehlandschaft tut.
  • Kindern und Jugendlichen immer mal wieder daran erinnern, dass Fernsehen auch dann gemacht ist, wenn es vorgibt, die Wirklichkeit zu zeigen.
  • Und schließlich: Es ist nicht alles ein Vergnügen, was als solches verkauft wird. 

Gastkommentar: „Haste gestern Manu gesehen?"

Wenn solche Fragen auf Pausenhöfen und im Klassenzimmer gestellt werden, handelt es sich nicht um eine Nachfrage nach einer Mitschülerin. Nein, es geht um die täglich zur besten Sendezeit ausgestrahlte „Real-Life-Soap" von RTL II. Schon diese Beschreibung von „Big Brother" ist falsch: Es wird zwar damit der Eindruck erweckt, dass der Zuschauer an einem Experiment teilnimmt und sieht, wie sich Menschen verhalten, die wild zusammengewürfelt 100 Tage in einem Wohncontainer leben und dabei nahezu lückenlos von Kameras beobachtet werden. In Wirklichkeit aber sieht das Publikum nur einen Zusammenschnitt, eine redaktionelle Auswahl, wobei schon heftig manipuliert werden kann. Zudem handeln die Personen nicht wie im wirklichen Leben, da es ja darum geht, sich gut zu verkaufen, um nicht frühzeitig vom Bildschirm zu verschwinden – jeder will die Prämie für das Ausharren bis zum Schluss kassieren! Auch die zusätzlich angebotenen „Informationen" via Internet oder aus der extra zu Sendung herausgegebenen Zeitschrift beleuchten nicht das „wahre" Leben.

Fazit: Kinder und Jugendliche erfahren in „Big Brother" keine Modelle, wie Menschen zusammenleben und Probleme des Alltags lösen können. Im Gegenteil, sie nehmen an etwas teil, was ihnen bestenfalls das Bild einer autistischen Single-Generation vermittelt. Oder soll das Ganze vorbereiten auf die geplante Überwachung von Schulhöfen und öffentlichen Plätzen? Nein, es erinnert eher an eine moderne Version der römischen „Brot und ..."

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