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Von GZSZ bis Bollywood – Fernsehen zwischen Kindheit und Jugend

08.01.2007

Je älter Kinder werden, desto aufreibender wird es für die Eltern, in punkto Fernsehen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Zu sehr gehen Vorlieben und Einschätzungen über altersgerechtes Programm auseinander. Während in den meisten Familien Einigkeit herrscht, dass kleinere Kinder beim Fernsehen Begleitung brauchen, pochen Mädchen und Jungen jenseits des Grundschulalters auf Selbstständigkeit. Die Eltern der zwölfjährigen Kirsten haben alle Anstrengungen eingestellt: „Früher hat meine Mutter gesagt, dass ich solchen Schrott nicht anschauen soll. Jetzt sagt sie nichts mehr.“ Das ist keine Seltenheit, denn mühselige Diskussionen und Auseinandersetzungen mit den angehenden Teenagern sind vorprogrammiert. So hält der 13-jährige Moritz die strengen Fernsehregeln seiner Eltern für überzogen: „Ich finde es blöd, mein Freund darf alles sehen.“ Moritz will wie viele Gleichaltrige seine Grenzen ausloten, sich vom Geschmack der Erwachsenen abgrenzen und mehr Freiheiten zugestanden bekommen. Die daraus folgenden Konfliktsituationen werden von manchen Eltern umgangen, indem sie der Fernsehlust einfach freien Lauf lassen. Andere lassen nicht locker und setzen auch dem Fernsehumgang ihrer älteren Kinder Grenzen. Dabei werden vor allem Regeln zur Fernsehzeit ausgehandelt. Noch wichtiger wäre es, sich gerade bei dieser Altersgruppe mit den favorisierten Inhalten auseinander zu setzen. Für angehende Teenager, die sich über ihr Leben in naher und ferner Zukunft Gedanken machen, spielen die Orientierungsangebote des Fernsehens eine wichtige Rolle. Die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen dieser Altersgruppe an das Fernsehen nachzuvollziehen, ist ein guter Anfang. Dieses Verständnis liefert Ansatzpunkte für die alltagsnahe elterliche Einflussnahme. Erst auf dieser Basis kann ein angemessener Umgang mit dem Medium Fernsehen gefördert werden.

Schräge Typen und mehr – Die Vorlieben der Älteren

Das Spektrum der Lieblingssendungen von Mädchen und Jungen zwischen zehn und 14 Jahren ist groß: Vom aberwitzigen Zeichentrickhelden Sponge Bob, über Daily Soaps bis hin zu spannungsreichen Krimi- und Actionserien, Spielfilmen und Reality-Dokus. Dass Zeichentrickserien wie „SpongeBob" oder „Die Simpsons" auch bei älteren Kindern noch zu den unangefochtenen Favoriten gehören, ist auf den ersten Blick überraschend. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, warum diese Sendungen Dauerbrenner sind: Der respektlose Humor kommt vor allem bei den älteren Jungen an. Die überzeichneten Figuren und das In-Frage-Stellen von Regeln und Normen machen den Reiz für diese Altersgruppe aus. Überhaupt stehen Humorformate wie Sitcoms (z.B. „King of Queens") oder Comedy-Shows („TV total") in der Gunst vor allem der Jungen ab zehn Jahren weit oben.
Traditionelles Kinderprogramm dagegen verliert mit zunehmendem Alter an Attraktivität. Ungefähr ab zwölf Jahren wollen viele Mädchen und Jungen nichts mehr mit dem „Kinderkram“ auf KI.KA oder SuperRTL zu tun haben. Die zwölfjährige Miriam meint: „Für das Kinderprogramm bin ich irgendwie zu alt und die Sendungen gefallen mir nicht mehr.“

Thema Nummer 1 sind vor allem bei Mädchen Daily Soaps, manche sind regelrecht süchtig nach der täglichen Portion Seifenoper. Für die Corinna (14 Jahre) ist das kein Wunder: „Wenn man einmal die Sendung gesehen hat, muss man es immer wieder sehen. Meine Freundinnen sehen das auch“. Und außerdem drehen sich Serien wie „GZSZ" oder „Verliebt in Berlin" rund um Themen, die angehende Jugendliche besonders interessieren: Liebe, Beziehungen und das Zusammenleben in Gemeinschaften. Dass es dabei mitunter recht oberflächlich und realitätsfremd zugeht, stört die echten Fans wenig. Für den 14-jährigen Matthias ist „Alles was zählt" ein Fernsehhighlight, denn „das ist wie im richtigen Leben“. Bei allem Verständnis für die jungen Soap-Fans: Eltern dürfen durchaus kritisch anmerken, dass in diesen Serien keine tragfähigen Konfliktlösungen und Lebensentwürfe gezeigt werden, und unrealistische Erwartungen und Vorstellungen, die daraus erwachsen, zur Diskussion stellen.

„Da kann ich was lernen ...“ – Realitätsnähe im Blick

Realitätsnähe ist für ältere Kinder das Qualitätskriterium schlechthin. Für die 13-jährige Vanessa steht aus diesem Grund regelmäßig die Reality-Krimiserie „K11- Kommissare im Einsatz" auf dem Programm. Bei solchen Sendungen wird mit verwackelten Bildern und anderen Tricks der Eindruck erweckt, echte Kommissare würden echten Tätern auf der Spur sein. „Davon kann man lernen“, meint der elfjährige Tobias, „wie die das machen, bei der Polizei.“ Manche Kinder erhoffen sich sogar Einblick in zukünftige Berufsfelder: „Ich möchte mal Gerichtsmedizinerin werden“, so begründet Svantje (13 Jahre) ihre Vorliebe für „Lenßen und Partner". Selbst für ältere Kinder ist diese Art der Darstellung schwer zu durchschauen. Umso mehr können die gezeigten Fälle verzerrten Vorstellungen von den Gefahren des Alltags und der Arbeit von Polizei und Justiz Vorschub leisten.
Generell wird Sendungen, die „Realität“ zeigen, ein großer Lerneffekt zugesprochen. Die Casting-Show „Dance Academy" schaut sich die 13-jährige Nicki gerne an, „weil ich selber Breakdance tanze und ich davon was lernen kann“. Und sogar Kochsendungen wie „Schmeckt nicht gibt’s nicht" stehen bei manchen der befragten Kinder auf dem Programm. Die zwölfjährige Lena hat dafür einen ganz pragmatischen Grund: „Da kann ich meiner Mutter gleich sagen, was sie kochen soll“. Manchmal sind es auch die Eltern, die ihre Kinder zum Mitschauen animieren. So wird die „Super Nanny" in einigen Familien zum Pflichtprogramm erklärt. Die drastischen Methoden der Super Nanny sollen die eigenen Kinder zur Räson zu bringen. Nelly (elf Jahre) hat dieses Konzept schon verinnerlicht: „Das schau ich immer an, weil ich mich dadurch ändern kann. Früher hatte ich immer Streit mit meiner Mutter, jetzt nicht mehr.“ In Anbetracht der Tatsache, dass hier Kinder einem Millionenpublikum vorgeführt werden, ist dies ein mehr als fragwürdiges Unterfangen.

„Find ich cool“ – Die Älteren entwickeln ihren eigenen Geschmack

Viele ältere Kinder sind auf der Suche nach einer eigenen Welt, in die die Erwachsenen keinen Zugang haben. Der zwölfjährige David ist von der japanischen Zeichentrickserie „Dragon Ball GT" fasziniert. Die eigenwillige Gestaltung, die äußerst temporeiche Inszenierung und nicht zuletzt die drastischen Gewaltaktionen wirken für die meisten Erwachsenen abschreckend. David und viele andere männliche Altersgenossen sind dagegen regelrechte Fans der actionreichen Monsterkämpfe. Die massenhaften Zusatzangebote zur Serie, wie Zeitschriften, Internetseiten, PC-Spiele usw. ermöglichen es den Kindern, noch weiter in diese Art von Actionwelten einzutauchen.

Aufklären statt miesmachen – Das richtige Rezept

Älteren Kindern ist es wichtig, ihre Eigenständigkeit zu entwickeln. Sie nutzen das Fernsehen, um sich mit Themen auseinander zu setzen, die in ihrem jeweiligen Entwicklungsstadium wichtig werden. Und sie bestehen auf ihren eigenen Geschmack. Eltern müssen akzeptieren, dass die Kinder mit zunehmendem Alter ihre eigenen Vorstellungen entwickeln, was „gutes“ Fernsehen ist. Trotzdem sollte die familiäre Fernseherziehung auch nach dem Grundschalter nicht eingestellt werden. Gerade bei den angehenden Teenagern ist es wichtig, zu verstehen, was den Reiz bestimmter Angebote ausmacht. Und es ist wichtig, dem Risiko, dass dem Anschauungsmaterial aus dem Fernsehen zu viel Bedeutung beigemessen wird, gegenzusteuern.
Insbesondere Reality-Formate zeigen einen fragwürdigen, oft sogar verzerrten Ausschnitt der Wirklichkeit. Ältere Kinder haben in der Regel schon viel Fernseherfahrung gesammelt und sind in der Lage, Klischees zu durchschauen und Inszenierungstricks nachzuvollziehen. Hier können Eltern ansetzen und in Gesprächen und Diskussionen Aufklärungsarbeit leisten, um den kritischen Blick ihrer Kinder auf das Medium Fernsehen zu schärfen.

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