Flimmo.tv
Suchen in:
Aktuelles TV-Programm Sendungsarchiv

Von Topmodel bis Einzelkämpfer – Mädchen und Jungen und ihre Programmvorlieben

04.07.2007

„Mädchen mögen schicke Sachen und keine Dinosaurier. Weil Mädchen sind Mädchen und Jungs sind Jungs“*. Für die siebenjährige Mareike lassen sich die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen auf diese einfache Formel bringen. Eines verbindet die meisten Kinder, egal welchen Geschlechts: Die Lust am Fernsehen. Was sie sich letztendlich aus dem Programm herauspicken und wie sie damit umgehen, ist wiederum abhängig vom Geschlecht.
Umso wichtiger ist es, sich die Sichtweisen der Kinder auf der einen Seite und das Fernsehangebot auf der anderen Seite vor Augen zu führen. Denn in vielen Fällen zeigt das Fernsehen immer noch Frauen- und Männerbilder voller Klischees und Stereotypen. So werden Bilder von Frauen als Prinzessinnen präsentiert, die gerettet werden müssen und Männer als starke Kämpfer, die nichts anbrennen lassen. Viele Actionfilme und Serien funktionieren nach diesem Prinzip. Aber auch neue Formate holen scheinbar überholte Rollenbilder aus der Mottenkiste: In Castingshows wie „Germany’s next Topmodel" müssen die Kandidatinnen ein bestimmtest Schönheitsideal erfüllen. Und entsprechend dem Klischee hinter den Kulissen den obligatorischen Zickenkrieg austragen. Auf der anderen Seite gibt es Actionheldinnen wie Lara Croft oder Spezialagentin Sidney Bristow aus der Fernsehserie „Alias", die ihre männlichen Genrekollegen an Kampfkraft noch übertreffen – für Heranwachsende sind diese Identifikationsmuster ebenso fragwürdig, wie die Reduzierung von Weiblichkeit auf den schönen Schein.

Witzig und spannend muss es sein: Gemeinsamkeiten

In zwei Punkten sind sich Mädchen und Jungen einig, wenn es darum geht, was gutes Fernsehen ist: Humor und Spannung dürfen nicht fehlen. Mit zunehmendem Alter wird dieses Interesse an Ansprüche bezüglich der Qualität der Sendungen geknüpft: „Wichtig ist, dass sie Spaß machen und nicht zu doof sind und nicht nur Quatschsinn machen“, findet die elfjährige Natalie. Wenn es um konkrete Sendungen geht, gibt es derzeit eine Figur, die Mädchen und Jungen gleichermaßen begeistert: „Sponge Bob", der tollpatschige Zeichentrickschwamm. Die Hauptfigur Sponge Bob, der „so verrückt ist“, macht ihnen einen Heidenspaß. Der respektlose, schräge Humor und Themen wie Freundschaft, Konkurrenz und Zusammenleben spricht Kinder beiderlei Geschlechts an – auch wenn die meisten Erwachsenen dieser Vorliebe wenig Verständnis entgegenbringen können.
Serien und Spielfilme des Erwachsenenprogramms werden ebenfalls von beiden Geschlechtern gesehen – entweder zusammen mit der ganzen Familie, gemeinsam mit älteren Geschwistern oder aus eigenem Interesse. Das Spektrum reicht vom „Großstadtrevier" über „Charmed – Zauberhafte Hexen" bis hin zu „King of Queens". Die Sitcom ist für den elfjährigen Max beste Unterhaltung, „weil der Doug immer soviel Quatsch macht und immer was los ist“.
Auch was das Interesse an Wissens- und Informationssendungen angeht, sind sich Mädchen und Jungen weitgehend einig. Bei genauerem Hinsehen lassen sich jedoch feine Unterschiede feststellen. Während Mädchen eher Sendungen aus dem Kinderprogramm gefallen, wie etwa die Kindernachrichtensendung „logo" oder „Wissen macht Ah!", haben die Jungen auch Sendungen des Erwachsenenprogramms im Blick, wie z.B. „Galileo". Den 13-jährigen Patrick fasziniert „Galileo", denn da „kommen Themen, in die man noch keinen Einblick hat. Da kann man sich ein Bild verschaffen.“ Besonders wichtig sind ihnen dabei Moderatoren, die „Sachen gut erklären können“ (Maurizio, zehn Jahre). Bei Wissenssendungen, die für Erwachsene gemacht sind, kann es nicht schaden, wenn Eltern oder andere Bezugspersonen den Kindern mit Erklärungen zu Hilfe kommen.

Abenteuer und Beziehungsgeschichten: Die Vorlieben der Mädchen

Bei den Mädchen steht derzeit eine Heldin hoch im Kurs, die ganz und gar nicht dem gängigen Rollenklischee entspricht: die Zeichentrickfigur „Kim Possible". Gemeinsam mit ihrem besten Freund, dem trotteligen Ron Stoppable, rettet sie die Welt vor Bösewichtern aller Art. Dabei ist das Mädchen nicht nur kampferprobt und schlau, als aktive Chearleaderin zeichnet sie sich durch ihre Sportlichkeit aus. Diese Kombination kommt bei den Mädchen ab dem Grundschulalter besonders gut an: Für die siebenjährige Miriam ist Kim Possible die Größte, „weil sie so gut Handstand rückwärts kann“. Den etwas älteren Mädchen ist es besonders wichtig, dass sie anderen Menschen hilft und immer wieder die Welt rettet. Leider greift die Heldin letztendlich zur Gewalt, um dem Bösen Herr zu werden. Deshalb läuft die Sendung im FLIMMO auch unter der Kategorie „Mit Ecken und Kante“, obwohl „Kim Possible" ihren Geschlechtsgenossinnen durchaus einiges zu bieten hat.
Auch in der Serie „Schloss Einstein" finden die Mädchen Spannung nach ihrem Geschmack: Die Internatsgeschichten drehen sich um Freundschaft, Beziehungen und Liebe, aber auch um spannende Geheimnisse und kleine Abenteuer, die die jungen Mädchen und Jungs gemeinsam lösen. Die zwölfjährige Daniela mag an „Schloss Einstein", dass es zwar für Kinder gemacht ist, aber „nicht zu kindisch ist“. Für die gleichaltrige Svenja ist das Internatsleben von besonderem Interesse: Streiche spielen, heimliche Treffen, gemeinsame Aktionen mit Freundinnen macht dem Mädchen Spaß. Dieser Wunsch nach Gemeinschaft wird auch vor dem Fernseher ausgelebt. Wesentlich mehr Mädchen als Jungs gaben an, am liebsten mit Freundinnen oder Geschwistern gemeinsam fern zu sehen.
Ab Ende des Grundschulalters geraten die Soaps des Erwachsenenprogramms ins Blickfeld wie „Alles was zählt" oder „GZSZ" – und damit Vorstellungen und Idealbilder von zwischenmenschlichen Beziehungen, die der Realität oft nicht standhalten können. Konflikte zwischen den Geschlechtern werden meist oberflächlich behandelt, differenzierte Frauen- oder Männerbilder sind Mangelware. Fragwürdiges Anschauungsmaterial bieten auch Castingshows wie „Germanys next Topmodel". In der Befragung waren es ausschließlich Mädchen, die auf solche Formate zugehen. Dabei kann das Idealbild von makelloser Schönheit gerade den Mädchen zu schaffen machen. Das unerfüllbare Traumbild von Schönheit oder Starruhm kann übersteigerte Erwartungen an das eigene Leben oder den eigenen Körper schüren.

Coole Typen und harte Action: Was Jungen mögen

Jungen können sich generell für Zeichentrickserien begeistern, vor allem, wenn sie Action, Tempo und coole Helden zu bieten haben, wie die Zeichentrickserie „Yu-Gi-Oh". Mit zunehmendem Alter führt sie das Bedürfnis nach Action in das Erwachsenenprogramm, wo vor allem Spielfilme ihr Interesse wecken. The „Fast and the Furious" und „Die Bourne Identität" sind Streifen, die mit rasanten Verfolgungsjagden und wilden Schießereien Spannung verheißen. Der achtjährige Caleb ist begeistert, „dass die Leute so gut Autofahren können“. Und der zwölfjährige Matthias hat die beiden ersten Teile der „Bourne Identität" im Fernsehen gesehen. Für ihn ist der Einzelkämpfer Jason Bourne ein echtes Vorbild, denn „der ist ein Superagent“.
Das Männlichkeitsbild, das in solchen Filmen propagiert wird, ist weder wünschenswert noch alltagstauglich: Männer müssen hart und stark sein, um den Gefahren der Welt zu trotzen und sich im wahrste Sinne des Wortes „durchzubeißen“. Gewalt ist dabei das einzige probate Mittel, denn in einer Welt voller Feinde, kann sich nur der Stärkere durchsetzen. Gerade Jungen, die in ihrem sozialen Umfeld einen fragwürdigen Umgang mit Gewalt vorgelebt bekommen, können mit Actionfilmen diesen Zuschnitts in der Vorstellung bestärkt werden, Konflikte ließen sich am besten mit Gewalt lösen. Auch wenn Actionfans, die diese Sendungen gerne sehen, nicht automatisch zu Schlägertypen werden, sollten Eltern den Umgang mit Filmen und Serien dieser Art kritisch beobachten. Steht bei den Jungen vorwiegend Action auf dem Programm, kann es sein, dass sie Gewalt irgendwann als notwendiges Durchsetzungsmittel akzeptieren. Und natürlich gibt es auch für actionerprobte Jungen Grenzen des Zumutbaren. Wenn Menschen leiden müssen, verletzt oder gar getötet werden und dies in blutigen Bildern dargestellt wird, ist für die meisten der Spaß am Nervenkitzel zu Ende. Harte Actionkost wie „Die Bourne Identität" oder „Alias" laufen im FLIMMO unter der Rubrik „Nicht für Kinder“ und sollten Kindern besser vorenthalten werden – egal, ob Mädchen oder Jungen. Mädchen können mit dieser Art der Fernsehunterhaltung allerdings sowieso wenig anfangen: „Wenn mit Pistolen rumgeschossen wird oder die Scheiben eingeschlagen werden oder Leute mit dem Messer bedroht werden, das hab ich nicht so gerne“ sagte uns ein zehnjähriges Mädchen.

Fazit: Kinder brauchen Vorbilder

Mädchen und Jungen sind unterschiedlich, auch und gerade beim Fernsehen. Vor allem, wenn es um die Beurteilung von Action und Spannung geht, scheiden sich die Geister. Während Mädchen spannende Abenteuergeschichten gleichaltriger Heldinnen und Helden gerne sehen, kann es den Jungen oft gar nicht rasant und drastisch genug zugehen. Hier sind Eltern gefordert, darauf zu achten, wie ausgeprägt die Actionvorliebe des männlichen Nachwuchses ausfällt, um gegebenenfalls Grenzen zu setzen. Aber auch einige Mädchen suchen sich mit ihrer Vorliebe für Castingshows und Soaps im Fernsehen nicht gerade pädagogisch wertvolles Anschauungsmaterial.
Trotzdem ist es wichtig, den Kindern ihre geschlechtsspezifischen Vorlieben zuzugestehen. Auch wenn das für Eltern heißt, sich über problematische Rollenbilder in Soaps oder über gewaltlastige Actionfilme mühevoll auseinandersetzen zu müssen.

FLIMMO-Kinderbefragung

* FLIMMO hat 63 Mädchen und Jungen zwischen sieben und 13 Jahren zu ihrer Meinung über das Fernsehen befragt.

Das Fernsehen bietet eine Vielzahl an Identifikationsmustern und Rollenvorbildern, die Kinder im Laufe ihres Fernsehlebens unter die Lupe nehmen. Gerade wenn die Lieblingssendungen der Mädchen und Jungen mit problematischen Rollenbildern aufwarten, brauchen sie „richtige“ Vorbilder und Gesprächpartner in der Realität. Kinder brauchen gesprächsbereite und einfühlsame Bezugspersonen, die ihnen Anregungen bieten und einen Orientierungsrahmen liefern, um über ihre zukünftige Rolle als Mann oder Frau nach zu denken. Und sie brauchen ein Programm, das ihnen originelle, vielschichtige und zeitgemäße Frauen- und Männerbildern anbietet.

FLIMMO bespricht das aktuelle Fernsehprogramm und gibt Tipps zur Fernseherziehung. Bewertet werden Sendungen, die 3- bis 13- jährige Mädchen und Jungen gerne sehen oder mit denen sie als Mitseher in Berührung kommen. Um einen schnellen Überblick zu bieten, sind die Sendungen in drei Rubriken eingeteilt.

Was bedeuten die Rubriken?

Kinder finden's prima

Von Sendungen in dieser Rubrik sind Kinder angetan. Auch wenn nicht alles den Geschmack der Erwachsenen trifft, "Kinder finden's prima".

Mit Ecken und Kanten

Sendungen in dieser Rubrik werden von Kindern gemocht, haben aber auch „Ecken und Kanten“. Sie enthalten Bestandteile, die Kindern nicht nur gut tun.

Nicht für Kinder

Sendungen in dieser Rubrik enthalten Bestandteile, die für Kinder schwer verkraftbar sind. Am besten hält man Kinder davon fern, da sie überfordert, verunsichert oder geängstigt werden können.

Google + FLIMMO App
 

Copyright © Programmberatung für Eltern e.V. 1997 - 2017

Zum Seitenanfang