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Von wegen nur Musik – Was Musiksender noch anbieten

10.09.2003

Musik gehört zum Jungsein. Musik weckt Stimmungen, vertreibt die Langeweile oder ist Gesprächsthema in der Clique. Den eigenen Musikgeschmack zu entwickeln und sich damit von den Eltern abzugrenzen, ist in allen Generationen ein wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden.
Kein Wunder, dass sich – das ist aus verschiedenen Untersuchungen bekannt – Jugendliche ab etwa 14 Jahren für Musiksender wie MTV oder VIVA begeistern. Darüber, was die Jüngeren von Musiksendern halten, weiß man bisher wenig. Deshalb hat FLIMMO Kinder ab acht Jahren zu diesem Thema befragt.* Dabei hat sich gezeigt, dass schon Kinder ab Mitte des Grundschulalters zumindest gelegentlich Musiksender nutzen. Für sie sind vor allem die Musikclips der Charts spannend, „weil es immer interessant ist zu wissen, wer der erste Platz ist und so" (Willi, neun Jahre). Ab elf Jahren kommt dann zu den Musikclips noch einiges hinzu: Magazine, Shows, Zeichentrickserien und Talkshows, bei MTV und VIVA im Programm, werden ab diesem Alter häufiger gesehen und zum Teil auch geschätzt. Einige dieser Angebote sind in der Öffentlichkeit in die Diskussion geraten und werfen aus pädagogischer Sicht Fragen auf – ein Grund mehr für FLIMMO, das Programm der Musiksender jenseits der Musikclips zu betrachten und diese Sendungen unter die Lupe zu nehmen.**

„... irgendwie cool" – Musik, Stars und Trends kommen an

„Was geht ab?", „MTV News" oder „Inside" – Sendungen, die über das Neueste in Sachen Musik, Klatsch und Tratsch über Stars und Sternchen und die aktuellen Trends aus Film, Computerszene und Mode berichten, sind bei fast allen befragten Kindern und Jugendlichen der Renner. So stellt der 16-jährige Christian fest: „Da geht es halt um Mode und alles drum und dran und das finde ich eigentlich immer cool und auch interessant." Und die zwölfjährige Doris findet solche Sendungen gut, „weil da immer so Stars hinkommen. Und dann erzählen die halt über sich. Da kennt man die Stars dann näher."
Die Chance, das Programm selbst mitzubestimmen und sich mit ihren Wünschen und Fragen einzubringen, ist ein weiterer Anreiz der interaktiven Magazine. „Videoclash" bietet an, per SMS die Lieblingsclips auf die Mattscheibe zu „bestellen". In Sendungen wie „Interaktiv" sind zudem Stars zu Gast, die die Mädchen und Jungen via Telefon mit ihren Fragen löchern können.

„Du bist dismissed" – Drei sind einer zuviel

Liebe und Leidenschaft sind Themen, die gerade die etwas älteren Befragten brennend interessieren. Vor allem Mädchen zwischen elf und 14 Jahren geben an, Sendungen wie „DisMissed" gerne zu sehen. Wenn sich zwei Jungs oder Mädels um einen oder eine streiten, fliegen die Fetzen. Leicht bekleidete Menschen räkeln sich am Pool, es wird gebaggert, was das Zeug hält, Küsse und Streicheleinheiten werden ausgetauscht. Der zwölfjährige Stefan findet „DisMissed" gut, „weil du da was lernen kannst von den Männern und Frauen. Wie man mit Frauen umgehen kann und so." Dass sich Jugendliche wie Stefan ausgerechnet an solchen Sendungen orientieren, ist aus pädagogischer Sicht problematisch: Es geht extrem oberflächlich zu, Männer und Frauen werden auf Äußerlichkeiten reduziert und die Konkurrenz wird mit hämischen und beleidigenden Bemerkungen abgekanzelt. Mit zunehmendem Alter verliert „DisMissed" als Studienobjekt allerdings seine Glaubwürdigkeit: „Was für schwachsinnige Sachen die angeben, wieso die den gut finden und den nicht. Das ist immer total unrealistisch", kritisiert die 15-jährige Daniela. Sobald eigene Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht dem Bild im Fernsehen deutlich widersprechen, erscheinen Sendungen wie „DisMissed" eher als schlechter Witz.

„Voll krass" – Provokation als Allzweckwaffe

Mit derbem „Humor" warten Sendungen wie „Da Ali G. Show", „fleischmann.tv" und „South Park" auf und provozieren damit gegensätzliche Meinungen unter den Heranwachsenden. „South Park" zum Beispiel ist ein makaber-satirischer Cartoon für ein erwachsenes Publikum, der nicht umsonst erst nach 22 Uhr auf VIVA läuft. Das hindert den 13-jährigen Bernd nicht daran, sich für Kenny und seine Freunde zu begeistern: „Witzig gemacht. Ein bisschen brutal, aber witzig gemacht, schadenfroh."

Den Gipfel der Provokation dürfte „Jackass" darstellen: Eine Gruppe junger Leute filmt sich gegenseitig bei halsbrecherischen Stunts, absurden Mutproben, sadistischen Spielchen und ekelhaften Kotzeinlagen. Für zahlreiche Jugendliche – vor allem unter den über 14-Jährigen – macht genau diese Provokation den Reiz aus: „Eltern finden das nicht gut, also meine Eltern zumindest. Weil, die sagen: Nicht, dass du dann so was machst und ... Na ja, die regen sich schon drüber auf. Ich finde es aber cool. Ich kann unterscheiden, ob das jetzt weh tut. Dann würde ich's auch nicht machen" (Johannes, 15 Jahre).
Dass sich auch Mädchen für solche Verrücktheiten interessieren und sich von Ekelhaftigkeiten und sinnlosen Mutproben nicht abschrecken lassen, ist erstaunlich. Bisher wurde die Begeisterung für solche Sendungen ausschließlich Jungen zugeschrieben. Zwar gaben mehr Jungen als Mädchen an, sich „Jackass" anzuschauen, von denen, die es kennen, äußerten sich aber genauso viele Jungen wie Mädchen positiv. So zum Beispiel die 15-jährige Alida: „Naja, es ist einfach lustig, wie die sich so zu Hampelmännern machen und die Stunts, die sind einfach Hammer. So was überhaupt zu machen, das ist schon ganz schön krass."

„Ich finde das doof ..." – Kritik kommt nicht zu knapp

Kritiklos steht diese Generation den „krassen Sendungen" allerdings nicht gegenüber. Von den wenigen Befragten unter elf Jahren, die solche Sendungen kennen, sind viele abgeschreckt statt amüsiert: „South Park gefällt mir nicht. Weil da auch oft was mit ,Kopf ab' kommt. Und so mit töten und so. Das mag ich nicht", berichtet die neunjährige Iris über diese Zeichentrickserie.
Aber auch in den Reihen der älteren Kinder finden sich zahlreiche Kritiker der provokativen Formate: Für den zwölfjährigen Niklas gehen Sendungen wie „Jackass" eindeutig zu weit: „Na, wenn die sich so gegenseitig gegen die Wand hauen und sich dann den Namen auf den Hintern tackern. Ich finde das doof, weil die sich da selbst weh tun sozusagen, um dann die anderen Leute zu unterhalten." Aber auch Sendungen wie „DisMissed", „Jackass", „fleischmann.tv" oder „Da Ali G. Show" sind für einen Großteil der Befragten keine gute Unterhaltung. Von „zu brutal" über „eklig" hin zu „sinnlos" und „einfach bescheuert" gehen die Aussagen. Die besonders rüpelhafte Art in „fleischmann.tv" stößt vor allem bei Mädchen auf starke Ablehnung. Ebenso wie das fragwürdige Frauenbild, das in Sendungen wie „Da Ali G. Show" vermittelt wird: „Bei Ali G. kommen immer perverse Sachen. Da ist irgendwo so eine Frau irgendwo angekettet, die ist halbnackt, tanzt da rum. Das finde ich gar nicht toll", so die 13-jährige Tanja.

„Die gucken das nicht ..." – Musiksender (nicht) im Blick der Eltern?

„Die kommen ja nicht rein, wenn ich das angucke", antwortet der zwölfjährige Mike auf die Frage, was seine Eltern von den Musiksendern halten. Das ist – laut Aussage der Kinder und Jugendlichen – kein Einzelfall. Musiksender werden oftmals als harmloses Nebenbei-Medium der Mädchen und Jungen toleriert. Dass es da viel mehr zu sehen gibt als die neuesten Hits, ist vielen Erwachsenen nicht unbedingt geläufig. Aus den Antworten der Kinder und Jugendlichen ab elf Jahren geht hervor, dass in diesem Alter schon die problematischen Sendungen ins Blickfeld geraten und sie auch dort nach Orientierung und Unterhaltung suchen. Das sollte Eltern bewusst sein, um auf Schwierigkeiten, die Heranwachsende damit bekommen können, angemessen zu reagieren.

Ein grundsätzliches Verbot der Musiksender im Fernsehalltag kann nicht die Lösung sein. Dafür ist die Musik und das ganze Drumherum für Heranwachsende zu wichtig. Vielmehr sollten bei problematischen Angeboten Grenzen gezogen werden, weil sie z. B. Werte- und Normenverletzungen oder risikoreiches Verhalten als „coolen" Spaß hinstellen, wie „Jackass" oder „fleischmann.tv" es tun. Oder bei Sendungen, die fragwürdige Geschlechterbilder transportieren, wie „Da Ali G. Show" und „DisMissed". Die Begeisterung für ihre Stars und ihre Musik sollte man den Kindern und Jugendlichen aber nicht zu nehmen versuchen.

 ** Erläuterungen zu verschiedenen Sendungen:

fleischmann.tv (VIVA)
Zeichentrickfigur Fleischmann „berät" zugeschaltete Zuschauerinnen und Zuschauer. Mit hämischen Sprüchen und vernehmbaren Körpergeräuschen kommentiert er nebenbei die neuesten Videoclips.

Da Ali G. Show (VIVA)
Komiker Ali G. nimmt prominente Gäste auf den Arm, führt „Expertengespräche" und interviewt ahnungslose Passanten in wechselnder Verkleidung.

South Park (VIVA)
Die Zeichentrickserie dreht sich um vier befreundete Drittklässler, die in makaberen Szenen und mit boshaftem Humor ihre Umgebung terrorisieren.

DisMissed (MTV)
Jeweils zwei Männer oder zwei Frauen streiten sich um die Gunst eines oder einer potentiellen Partners/Partnerin. Wer weniger beeindrucken kann, wird am Ende „dismissed" (engl.: abgelehnt, weggeschickt).

Jackass (MTV)
Eine Gruppe junger Leute führt ebenso sinnlose wie halsbrecherische Manöver aus, die meist in Unfällen münden. Die selbst beigebrachten Verletzungen werden wie Trophäen zur Schau gestellt.

* Im Juli 2003 wurden 104 Kinder, davon 49 Jungen und 55 Mädchen im Alter zwischen acht und 16 Jahren, in Hamburg, Berlin, Leipzig, München und Augsburg befragt.

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