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Zwischen falschen Leitbildern und echter Lebenshilfe – Das Fernsehen als Orientierungsquelle für Kinder

09.10.2005

Kinder wollen mit dem Fernsehen ihren Spaß haben. Sie suchen anregende Unterhaltung, Entspannung vom Schul- und Familienalltag und sie halten Ausschau nach Wissenswertem und Interessantem. Bei alldem nutzen sie das Fernsehen immer auch als Orientierungsquelle und Lebenshilfe: Wie funktioniert die Welt der Erwachsenen? Wie kann ich Konflikte und Probleme mit anderen lösen? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich mal groß bin? Wie will ich mal werden? Wo kann ich mir etwas abschauen?
Worauf Kinder im Fernsehen ihr Augenmerk richten, hängt vor allem davon ab, mit welchen Themen sie sich gerade herumschlagen. Bedingt durch ihren Entwicklungsstand oder aktuelle Lebenssituationen, halten sie Ausschau nach brauchbaren Anregungen für den eigenen Alltag. Für jüngere Kinder geht es zum Beispiel darum, wie man sich in einer Freundesgruppe oder in der Familie behaupten kann, gerade auch gegen Größere, die mehr können und dürfen. Ältere Kinder wollen wissen, wie man sich als zukünftige Frau oder zukünftiger Mann zu verhalten hat und welche Spielregeln zwischen den Geschlechtern gelten.
Das Fernsehen ist für viele Kinder neben den Eltern und anderen Bezugspersonen die erste Anlaufstelle, wenn es um solche und ähnliche Fragen geht. In jedem Haushalt verfügbar, bietet es ein großes Spektrum an Themen, Lebensentwürfen und Verhaltensmustern. Ein für Kinder besonders wichtiges Thema ist das soziale Miteinander. Neben fiktionalen Angeboten wie Serien und Spielfilmen werden Beratungs- und Magazinsendungen des Kinderprogramms von den Mädchen und Jungen ebenso herangezogen wie Talk-, Gerichts- und Dating-Shows, Reality-TV und andere Formate des sogenannten „Affektfernsehens“. Angesichts dessen, was hier an Weltbildern und Botschaften präsentiert wird, ist von Seiten der Eltern ein wachsamer Blick gefragt.

Gefahren im Alltag – „Kann mir das auch passieren?“

Sendungen wie „Notruf" (RTL) und „Aktenzeichen XY" (ZDF) sind echte Dauerbrenner im Programm und erfreuen sich beim erwachsenen Publikum ungebrochener Beliebtheit. Einige Eltern nutzen diese Art von Sendungen sogar zur Abschreckung für den eigenen Nachwuchs. Nach dem Motto „Schau mal, wie schlecht die Welt da draußen ist“ sollen Kinder anhand von „Notruf",„Aktenzeichen XY" oder „Lenßen & Partner" (SAT.1) lernen, die gefahrvolle Welt vor der Haustür richtig einzuschätzen. Während "Notruf" drastisch in Szene gesetzte Unfälle schildert, bieten Gerichts- und Ermittlungsshows angeblich authentische Einblicke in die Strafverfolgung durch Polizei und Justiz. Statt altersangemessener Aufklärung bewirkt diese Art von Anschauungsmaterial allerdings eher das Gegenteil: Den Kindern werden übertriebene Ängste eingebläut, Alltagsgefahren und - risiken werden zum allgegenwärtigen Bedrohungsszenario stilisiert, das menschliche Miteinander wird auf Streit, Verbrechen und Bestrafung reduziert. Die vorgeblich authentische Machart führt Kindern die Gefahrenlagen höchst eindrücklich vor Augen. Schließlich ist man „live“ dabei, wenn (echte) Ermittler auf Spurensuche gehen, beobachtet (echte) Richter und Anwälte bei der Urteilsfindung und sieht (nachgestellte) Dokumentarszenen von Unfällen und Katastrophen. Gerade jüngere Kinder und solche, die noch über wenig Fernseherfahrung verfügen, haben Schwierigkeiten die Inszenierungstricks zu durchschauen und sich entsprechend vom Geschehen zu distanzieren.

Zusammenleben in Gemeinschaften – „Wie funktioniert das?“

Von Klein auf stehen Kinder vor der Herausforderung, mit anderen auskommen zu müssen, seien es Geschwister, Eltern, Mitschülerinnen und Mitschüler oder andere Mitmenschen. Neben realen Vorbildern spielen Anregungen aus dem Fernsehen für sie eine wichtige Rolle. Vor allem, wenn junge Menschen im Mittelpunkt des Geschehens stehen, sehen Kinder genau hin. Kein Wunder, dass sogenannte „Reality-Soaps“ wie „Freunde, das Leben geht weiter" (PRO 7) oder „Die Abschlussklasse" (PRO 7) ihre Neugier wecken. Die jungen Leute filmen sich angeblich mit der Handkamera selbst und zeigen einen Ausschnitt aus ihrem „echten Leben“. Zu sehen gibt es vor allem emotional in Szene gesetzte Beziehungseskapaden: Wer ist gerade mit wem zusammen? Wer hat wieder Schluss gemacht und wer hat sich mit wem in den Haaren? Die bestenfalls oberflächlichen Konflikte werden unrealistisch und klischeehaft durchexerziert, im Mittelpunkt stehen Klatsch und Tratsch, Intrigen und Gemeinheiten. Die realistische Aufarbeitung von Problemen der Abiturienten – Prüfungssituationen, Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, Fragen zu Lebensperspektiven, Ausbildung oder Studium – bleiben außen vor.

Ein ähnlich verzerrtes Bild vom menschlichen Miteinander präsentieren die Talkshows. Egal ob in der „Oliver-Geissen-Show" (RTL), bei „Britt – Der Talk um eins" (SAT.1) oder „Vera am Mittag" (SAT.1): Es wird lauthals über Fragen des Privat- und Intimlebens gestritten, gegenseitige Beschuldigungen und Verleumdungen gehören zum guten Ton. Darüber hinaus werden auch noch Vorurteile geschürt, etwa über den südländischen Macho, der mit frauenfeindlichen Sprüchen aus der Rolle fällt. Mit Sendungen wie diesen als Orientierungsquelle sind Heranwachsende schlecht bedient. Die dargestellten Konfliktmuster und Beziehungskonstellationen vermitteln ein fragwürdiges Welt- und Menschenbild. Niedere menschliche Instinkte wie Häme, Neid und Missgunst werden zur Norm erklärt, menschliche Schwächen und emotionale Ausnahmezustände zu Unterhaltungszwecken vorgeführt.

Liebe, Sex und Partnerschaft – „Was muss ich wissen?“

Ab etwa Ende des Grundschulalters beginnen sich Kinder für das jeweils andere Geschlecht zu interessieren, die Mädchen etwas früher als die Jungen. Fragen zum Verhältnis der Geschlechter, zur Sexualität und zum manchmal verwirrenden Gefühlsleben werden spätestens mit Beginn der Pubertät akut. Altersgemäße Sendungen zu diesen Themen sind im deutschen Fernsehen Mangelware. Dementsprechend groß ist die Gefahr, dass sich die Mädchen und Jungen Sendungen zuwenden, die sich auf wenig kindgerechte Weise mit Liebe, Sex und Partnerschaft beschäftigen. Hoch im Kurs steht bei älteren Kindern und Jugendlichen zum Beispiel die Dating-Show „DisMissed" auf MTV. Für die 13-jährige Jessika der perfekte Anschauungsunterricht in Sachen zwischenmenschlicher Umgangsformen: „Die Leute bei DisMissed sind einfach cool. Die Anmache, die die drauf haben. Da kannst du noch was lernen“*.
Was Jessika und andere Heranwachsende präsentiert bekommen, hat leider nichts mit einem aufgeklärten Geschlechterverhältnis zu tun. Vielmehr geht es darum, die Konkurrenz mit allen Mitteln auszustechen, sich öffentlich zu produzieren und mit den eigenen körperlichen Reizen zu protzen. Die Reduzierung auf Äußerlichkeiten und das Bild vom gnadenlosen Konkurrenzkampf um die Gunst von Männern und Frauen ist mehr als fragwürdig.

Die Flimmerkiste als Lebenshilfe?! – Was Eltern beachten sollten

Angesichts der zum Teil fragwürdigen Orientierungsangebote sollten Eltern den Fernsehumgang ihrer Kinder stetig beobachten und begleiten. Die Orientierungssuche ist ein wichtiger Teil des Großwerdens, entsprechend ernst sollte man dieses Bedürfnis der Mädchen und Jungen nehmen. Die beste „Lebenshilfe“ findet in der Realität statt. Deshalb brauchen Kinder zu aller erst Bezugspersonen, die sich mit ihren Fragen auseinander setzen und gute Vorbilder abgeben. Dazu gehört auch, den fragwürdigen Orientierungsangeboten in Reality-TV, Talkshows und Co. realistische Vorstellungen und Weltbilder entgegenzusetzen. Zweifellos ist das oft leichter gesagt als getan. Kinder haben ihren eigenen Kopf und gerade, wenn es um ihre Programmvorlieben geht, stoßen gut gemeinte Hinweise oft auf taube Ohren. Auch wenn sich manch ältere Mädchen und Jungen die Vorliebe für Talkshows und Dating-Shows nicht ausreden lassen wollen, sollten Eltern nicht verzweifelt das Handtuch werfen. Problematische Formate können den Anstoß für Diskussionen über Verhaltens- und Umgangsweisen, über Normen und Lebensentwürfe liefern. Eine zweite Möglichkeit sind Hinweise auf interessante Alternativen. Schließlich gibt es auch Sendungen, die mehr zu bieten haben als falsche Leit- und verzerrte Weltbilder. Brauchbare Lebenshilfe für Heranwachsende hat zum Beispiel die Magazinsendung „PuR" (ZDF) im Programm. Gezeigt werden alltagsnahe Konfliktsituationen aus der Lebenswirklichkeit Heranwachsender sowie gesellschaftlich relevante Themen. Das Ganze ist humorvoll verpackt und dank der gewitzten und vorlauten Zeichentrick-Moderatorin Petty Pur nie langweilig. Auch die Sendung „Streitfall" (KI.KA) nimmt sich beispielhafter Konfliktfälle aus der Alltagswelt von Kindern an und versucht, Ursachen und Entwicklungen aufzuzeigen, statt zu polarisieren und auszugrenzen.

*FLIMMO-Kinderbefragung zum Thema „Musiksender“ (Juli 2003)

Die kompletten Ergebnisse der Kinderbefragung können Sie unter hier nachlesen.

Ging es um Liebesangelegenheiten, war „Dr. MagLove" (KI.KA) lange Zeit die beste Wahl für wissbegierige Mädchen und Jungen. Die Sendung betreibt Aufklärung ohne pädagogischen Zeigefinger, Themen wie Verhütung, Sex und Zärtlichkeit werden einfühlsam und mit Witz behandelt. Leider ist „Dr. MagLove" derzeit nicht auf Sendung, FLIMMO hofft, dass sich das bald wieder ändert. Sendungen wie diese können Eltern unterstützen, Kindern Orientierung zu geben. Allerdings können sie die elterliche Pflicht nicht ersetzen, Kinder für ihr zukünftiges Leben stark zu machen.

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