Flimmo.tv
Suchen in:
Aktuelles TV-Programm Sendungsarchiv

Kinder & YouTube - Zwischen Faszination und Vermarktung

08.01.2018

In vielen Familien gehört YouTube zum Alltag: Nachhilfe in Sachen Mathe, die Aufbauanleitung für ein Möbelstück oder die Highlights der Fußball-Partie von gestern sind jederzeit online verfügbar. Die Nutzer laden hoch, was sie wollen: Von Alltagstipps über Serienfolgen bis hin zu politischen Inhalten einschließlich Propaganda und gezielten Fehlinformationen.

In manchen Familien steht YouTube schon für die Jüngsten auf dem Programm, denn als Alternative zum Kinderfernsehen im TV sind Serienepisoden und kurze Videos jederzeit abrufbar. Wenn gewünscht sogar in Dauerschleife – unabhängig von festen Sendezeiten und Programmanbietern. Allerdings sollten sich Eltern im Klaren sein, dass die Vielfalt Reiz und Risiko zugleich ist. Zum einen ist die Verlockung groß, viele Folgen der Lieblingsserie nacheinander anzuschauen. Zum anderen gibt es auf YouTube Videos, die für Kinder völlig ungeeignet sind.

YouTube Kids - hilfreiche Alternative?

Seit ein paar Monaten gibt es auch in Deutschland YouTube Kids. Laut Anbieter enthält die Videoplattform kindgerechtes Material, aber auch auf die Zielgruppe ausgerichtete Werbung. Die Auwahl der Videos erfolgt durch Algorithmen, Anstößiges wird erst auf Anfrage entfernt. Insofern gibt es keine Garantie, dass Kinder nicht doch auf problematische Inhalte stoßen. Deshalb sollten auch bei YouTube Kids Eltern oder andere Bezugspersonen mitschauen.



Schockierendes bis hin zum Horrorfilm kann wenige Klicks vom niedlichen Katzenvideo entfernt sein. Aus diesem Grund ist die Plattform vom Anbieter auch ab 18 Jahren eingestuft und wird vom Jugendschutzprogramm JusProg für Kinder geblockt – sofern das Programm installiert und eingerichtet ist. Auch in Sachen Datenschutz liegt einiges im Argen: Nutzerdaten wie Surfverhalten und Browserverlauf werden gespeichert und an den Mutterkonzern Google weitergegeben. Trotz aller Risiken hat die Plattform eine Menge zu bieten und viele Kinder wachsen heute mit YouTube auf. Je älter sie werden, desto mehr stehen dabei eigene Interessen und Vorlieben im Vordergrund, die für Eltern nicht immer nachvollziehbar sind.

YouTube als Fundgrube

Von Spaß bis Wissen

Die FLIMMO-Kinderbefragung* zeigt, dass YouTube für viele 6- bis 13-Jährige zum Alltag gehört. Alle Befragten schauen zumindest gelegentlich Videos auf YouTube an, vor allem auf dem eigenen Smartphone oder dem PC. Was die Mädchen und Jungen am meisten fasziniert, ist die große Vielfalt an Formaten und unterschiedlichen Informationen: »Man erfährt neue Sachen, was man vorher nicht wusste«, so erzählt ein Mädchen.

Aufgepasst!

Sie sehen aus, wie Videos von Elsa, Micky Maus, Spiderman & Co., aber was sie zeigen, kann Kinder verstören.
Auf YouTube und YouTube Kids kursieren Videos in denen beliebte Figuren sich gegenseitig Gewalt zufügen oder anstößige Dinge tun. Da die Fakevideos aussehen wie Clips für Kinder, kann derzeit wohl nicht sichergestellt werden, dass YouTube Kids diese aussortiert.

Hier finden die Kinder alles Mögliche: Von Knowhow für den Alltag bis hin zu Schulstoff oder Wissenswertem aus unterschiedlichen Interessensgebieten. Vor allem Kinder im Grundschulalter sind von dieser Art Fundgrube begeistert. Die achtjährige Sophia etwa schaut am liebsten Turnvideos an, »weil ich bin ja auch im Turnen und ich will da noch mehr wissen, was ich besser machen kann«. Ein anderes Mädchen bevorzugt Videos »mit Hunden, Rettungen von Hunden oder wie man sie richtig trainiert und so was«. Auch zu Unterhaltungszwecken wird YouTube intensiv genutzt. Ganze Folgen, einzelne Szenen oder die Musik aus ihren Lieblingsserien und Filmen sind bei den Grundschulkindern sehr beliebt. Janina zum Beispiel mag »Mia & Me und Zoés Zauberschrank oder Das Sandmännchen am Abend«.

* FLIMMO hat in verschiedenen Bundesländern 61 Kinder zum Thema »YouTube« befragt. Der ausführliche Bericht ist hier abrufbar: Kinderbefragung


YouTuber sind Stars bei Kindern

Warum eigentlich?

Für ältere Kinder sind die YouTuber Dreh- und Angelpunkt auf der Plattform. Die meisten sind selbst noch jung und wirken wie Kumpels von nebenan. Sie zeigen scheinbar, was ihnen am Herzen liegt: Es werden Games vorgespielt oder Schminktricks vorgeführt, daneben geht es um das große Weltgeschehen, die erste Liebe oder die Tücken des Alltags.

Soziales Netzwerk

YouTube ist auch eine Form von Sozialem Netzwerk, da man ein Profil anlegen, Videos hochladen, Kanäle abonnieren und Beiträge kommentieren kann. Das bringt Probleme mit sich: Unter den Nutzern gibt es sogenannte Hater oder Trolle, die mit unangemessenen Beiträgen oder persönlichen Beleidigungen für Verunsicherung sorgen.

Doch was macht für Kinder den Reiz aus, jungen Frauen und Männern dabei zuzuschauen, wie sie mehr oder weniger planlos drauflosreden?
Sie treffen den richtigen Ton und sprechen Kinder und Jugendliche auf Augenhöhe an. Mit dieser Herangehensweise erreichen sie das junge Publikum und werden zu alltagsnahen und glaubwürdigen Vorbildern.

Die Möglichkeit, selbst durch die Kommentarfunktion mit ihnen in Kontakt zu treten, vermittelt scheinbare Nähe und schafft sprichwörtlich einen »direkten Draht« zu den YouTube-Stars.

Besonders beliebt bei Kindern sind Comedy-Formate mit sogenannten Pranks oder Challenges. Der zehnjährige Johann kann sich köstlich über Die Lochis amüsieren: »Das Beste war, wo er seinem Bruder ganz viele Mausefallen ums Bett gestellt hat.«

Begriffe: Schnell erklärt

Let's Plays:
Versierte Gamer spielen aktuelle Spiele vor und zeigen deren Stärken und Schwächen.

Influencer:
Populäre YouTuber, die großen Einfluss (engl.: influence) auf ihre Fans haben.

JusProg:
Jugendschutzprogramm, das Kinder vor ungeeigneten Inhalten im Internet schützt.

Pranks:
Streiche vor laufender Kamera, die zum Teil unter die Gürtellinie gehen und sogar gefährlich werden können.

Life Hacks:
Tipps, Tricks und Anleitungen zur Bewältigung des Alltags.

Minecraft:
Bei Kindern beliebtes Computerspiel, das sich um das Erschaffen von Welten mittels Bausteinen dreht.

Challenges:
Herausforderungen im Netz, die durch gepostete Videos angenommen und bestanden werden.

Der zehnjährige Jasper dagegen schaut »viel Minecraft, aber nichts von so krass berühmten YouTubern, sondern eher von welchen, die ich wirklich mag und cool finde.« Der Junge bringt damit auch auf den Punkt, was YouTube dem traditionellen Fernsehen und anderen Medien voraushat: Es gibt für jeden Geschmack den richtigen YouTuber, der genau auf der Wellenlänge des jeweiligen Nutzers liegt und dessen Themen anspricht.

Bei den Mädchen sind Schmink-Tutorials und Styling-Tipps besonders angesagt. Die elfjährige Juliane ist regelmäßige Zuschauerin von Bibis Beauty Palace, »weil ich das einfach cool finde, wie die das mit ihren Haaren macht«. Die Anleitung zum Verschönern trifft bei Mädchen ab etwa Ende des Grundschulalters einen Nerv. Kommerzielle Interessen bei der »Produktvorstellung« von Bibi, Dagi Bee und Co. sind den jungen Fans nicht unbedingt bewusst.

Für die älteren Kinder und Jugendlichen spielen auch Beiträge zu gesellschaftlichen oder weltpolitischen Themen eine Rolle. Der 13-jährige Jakob etwa verfolgt den Kanal von LeFloid, »weil der zeigt, was gerade so passiert in der Welt«. Für ihn ist LeFloid »auf dem aktuellen Stand und er sagt auch seine Meinung dazu. Es ist nicht wie im Fernsehen komplett neutral. Ich finde das ganz interessant, dass der auch selbst einen Standpunkt hat«. Die persönlichen Meinungen sind ein Markenzeichen vieler YouTuber – mit allen Vor- und Nachteilen für die Urteilsbildung der jungen Zuschauer.


Berufswunsch YouTuber?

Was Kinder davon halten

Ein kleinerer Teil der Befragten kann sich tatsächlich vorstellen, später einmal YouTuber zu werden. Dabei geht es den Kindern darum, ihre eigenen Ideen und Interessen auszuleben, sich anderen mitzuteilen und natürlich, Anerkennung von Gleichgesinnten zu erfahren. Die meisten Kinder können sich aber YouTuber als Beruf für sich selbst nicht vorstellen. Die Gründe reichen von Schüchternheit bis hin zu Zeitmangel oder mangelndem Know-how. Hier spielt auch die Angst vor »Hatern« eine Rolle. Ob man ältere Kinder und Jugendliche ermutigen soll, selbst Videos auf YouTube hochzuladen, ist pauschal schwer zu beantworten. Dass die Mädchen und Jungen selbst aktiv werden und ihre Kreativität ausleben, ist natürlich unterstützenswert. Allerdings sollte man dafür Alternativen in Betracht ziehen, etwa juki, die Videoplattform für Kinder.

Was Kinder über das Geschäftsmodell wissen -

und was sie wissen sollten!

Den meisten Mädchen und Jungen ist bewusst, dass sich YouTube über Werbung finanziert. Viele stören Einblendungen oder Werbeclips vor und zwischen den Videos, so wie die zwölfjährige Marie: »Teilweise find ich’s sehr nervig, vor allem die Werbung, die man nicht wegklicken kann!« Manche Mädchen und Jungen können die Gründe, warum Werbung auf YouTube läuft, durchaus nachvollziehen. Der zwölfjährige Karl findet die Clips nicht so schlimm, denn »das dauert ja meistens auch nur so 20 Sekunden«.

Wie das Geschäftsmodell von YouTube funktioniert, darüber haben die Kinder einen sehr unterschiedlichen Wissensstand. »Ich glaube, die kriegen Geld von der Telekom«, denkt etwa ein Zehnjähriger. Manche gehen davon aus, dass die Clips und Videos ganz selbstlos und ausschließlich im Interesse der jungen Fans hochgeladen werden. Der achtjährige Tarek schaut sich am liebsten Let’s Plays an und ist überzeugt: »Die machen das alles nur für uns. Damit wir uns die Games nicht selber kaufen müssen.« Gerade bei bekannten Let‘s Playern wie Gronkh entspricht diese Vorstellung kaum der Realität. Ob und wieweit Spiele- oder Hardware- Hersteller die Let‘s Player sponsern, um Produkte zu vermarkten und potenzielle Kunden zu beeinflussen, ist nicht leicht zu durchschauen.
Wie sich große Firmen die Vorbildfunktion von YouTube-Stars zu Nutze machen, zeigte sich jüngst bei einer Kampagne einer großen Fastfood-Kette. Die beliebten YouTuber Die Lochis durften ihr eigenes Eis werbewirksam präsentieren, nachdem sie im Sommer bei jeder Gelegenheit ihre Begeisterung für Eiscreme auf YouTube, Facebook und Twitter kundgetan haben.

Auch wenn Beiträge als Dauerwerbung gekennzeichnet sind und YouTuber im Kleingedruckten darauf hinweisen, dass sie mit Testprodukten und Werbeverträgen ausgestattet werden, fällt es Kindern oft schwer, diesen Zusammenhang zu erkennen.

Tipps für Eltern

  • YouTube ist kein Kindersender! Eltern sollten auf jeden Fall dabei bleiben oder zumindest ansprechbar sein, wenn Kinder Filme, Serien oder ihre Lieblings-YouTuber anschauen.

  • Zentral ist ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern. Kinder müssen wissen, dass sie jederzeit über alles reden können. Auch über »verbotene« Inhalte, die sie – vielleicht auch unwillentlich – auf YouTube oder anderswo gesehen haben. Dies betrifft auch »Challenges«, die Kinder nicht nachmachen sollten.

  • Angesichts der Vorbildfunktion der YouTube-Stars sind gezeigte Rollenbilder und Klischees problematisch. Sind Schminken und »Schönsein« für Mädchen und Action und Fußball für Jungen wirklich die wichtigsten Themen? Was steckt hinter diesen Frauenund Männerbildern und was kann man ihnen entgegensetzen?

  • Generell sollten auf allen Geräten, an denen Kinder surfen, technische Jugendschutzmaßnahmen eingerichtet sein. Weitere Infos: www.klicksafe.de/jugendschutzfilter und www.jugendschutzprogramm.de (JusProg).

    Das große MedienQuiz von FLIMMO und TLM

     

    Copyright © Programmberatung für Eltern e.V. 1997 - 2018

    Zum Seitenanfang