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Schreckmomente auf dem Bildschirm

09.09.2019

»Da hab ich schon richtig Angst gekriegt, mir wäre fast das Popcorn aus der Hand gefallen.«* Spannende Geschichten haben Kinder schon immer fasziniert, manchmal aber auch überfordert. Die meisten Erwachsenen können sich an Szenen aus Filmen und Serien erinnern, die gruselig oder erschreckend waren. Der große Unterschied zu früher ist: Im heutigen digitalen Zeitalter ist das Angebot schier unerschöpflich und allgegenwärtig.

Mit den unbegrenzten Möglichkeiten steigt auch die Gefahr, dass Kinder etwas sehen, das sie nicht verkraften können. Egal ob im Fernsehen, auf YouTube oder anderswo im Internet: Mädchen und Jungen können jederzeit auf Inhalte stoßen, die sie belasten, ihnen Angst machen oder sie sogar nachhaltig verstören. Deshalb sollten Eltern Bescheid wissen, was läuft – im wahrsten Sinne des Wortes.

* FLIMMO hat Kinder im Grundschulalter dazu befragt, was sie bei Bewegtbild-Angeboten erschreckt hat. Alle Ergebnisse gibt es hier: Kinderbefragung

Was Kindern Angst macht - und warum

Was manche Kinder vor Schreck erstarren lässt, jagt anderen einen wohligen Schauer über den Rücken. Wann wird das angenehme Spannungsgefühl zum Schreckmoment? Ein wichtiger Faktor ist das Alter der Kinder. Für Kindergarten- und Vorschulkinder ist die Grenze der Belastbarkeit schnell erreicht. Die Kleinen können schon bei plötzlichen, lauten Geräuschen und unheimlichen Schatten überfordert sein. Auch spannende Szenen in Sendungen des Kinderprogramms wie Der Grüffelo oder Mia and me können ihnen zu viel werden.

Grundschulkinder verkraften deutlich mehr. Die meisten haben schon einige Filmerfahrung gesammelt und können sich deshalb besser distanzieren. Aber auch sie stoßen an ihre Grenzen. Dem zehnjährigen Sandro etwa hat der Bösewicht aus Star Wars schlaflose Nächte bereitet: »Das Gesicht von Darth Vader hat mich erschreckt. Weil das so aussieht, als ob das ein toter Kopf ist mit ganz vielen ekligen Sachen dran.«

Furchteinflößende Gestalten

Egal ob Voldemort, Darth Vader oder Zombies: Figuren aus dem Reich der Fantasie können Angst machen. Vor allem, wenn ihnen die Bösartigkeit geradezu ins Gesicht geschrieben ist. Sogar Kindern, die wissen, dass es die Figuren nicht wirklich gibt, kann die bedrohliche Inszenierung des Bösen zu viel werden.

Filmtipps für Kinder

Spannung ohne Angst

Ab 6 Jahren

Die kleine Hexe
Realfilm, Amazon Prime

Der wunderbare Wiplala
Animations-/Realfilm, Amazon Prime

Ab 8 Jahren

Königin von Niendorf
Realfilm, Amazon Prime, maxdome

Rico, Oskar und der Diebstahlstein
Realfilm, Amazon Prime, maxdome, Netflix

Ab 10 Jahren

Tom und Hacke
Realfilm, Amazon Prime

Hüter des Lichts
Animationsfilm, Amazon Prime, maxdome, Netflix

Ab 12 Jahren

Kubo - Der tapfere Samurai
Animationsfilm, Amazon Prime

ParaNorman
Animationsfilm, Amazon Prime

 

Wenn Realität und Fiktion verschwimmen

Besonders belastend können Szenen und Geschichten sein, die für Kinder eben nicht eindeutig Fiktion sind. Das sind zum Beispiel unheimliche Mystery-Serien oder Geschichten, die angeblich oder tatsächlich auf wahren Begebenheiten beruhen. Vor allem auf YouTube kursieren viele Inhalte, die die Grenze zwischen Realität und Fiktion bewusst verwischen. Paranormale Phänomene und geheimnisvolle Fantasiegestalten werden als echt dargestellt.

Gewalt und Verbrechen

Gewaltverbrechen in realitätsnahen Geschichten, etwa bei Krimis wie dem Tatort oder bei Aktenzeichen XY, sind für Kinder besonders belastend. Sie fürchten, dass Gewalt und Verbrechen im Alltag lauern und dass sie und ihre Familie in Gefahr sind. Die realitätsnahe Inszenierung von Missbrauch oder Mord ist selbst für Kinder und Jugendliche jenseits des Grundschulalters schwer zu verkraften. Erst recht gilt das für schreckliche Bilder in den Nachrichten. Auch jüngere Kinder erkennen schon, dass Terror, Kriege und Gewalt »echt« sind. Entsprechend betroffen und schockiert reagieren sie.

Ängste überwinden macht stark

Angst ist eine wichtige Emotion, die vor Gefahren und sinnlosen Mutproben schützt. Angst kann aber auch hemmen, einschränken und krank machen. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder lernen, mit Ängsten umzugehen. Vor allem im Kindergarten- und Grundschulalter müssen sie Strategien entwickeln, um Ängste zu überwinden. Wenn das gelingt, entstehen Selbstvertrauen und innere Stärke.

Ängste ernst nehmen

Wichtig ist, dass Eltern die Ängste und Sorgen der Kinder ernst nehmen. Kinder brauchen Bezugspersonen, die sie unterstützen, ihnen Trost spenden und ihr Selbstvertrauen stärken. Erwachsene begehen manchmal den Fehler, auch kleinen Kindern einfache, rationale Erklärungen anzubieten: »Unter deinem Bett können keine Monster sein, weil es keine Monster gibt.« Das hilft den Kleinen nicht weiter, weil ihre inneren Vorstellungen für sie real sind. Besser ist es, gemeinsam aktive Lösungsvorschläge zu entwickeln, etwa: »Komm, wir schauen zusammen unter deinem Bett nach.« Oder es werden gemeinsam Monsterjäger aus Papier gebastelt, die dann im Kinderzimmer Wache halten.

Medienerlebnisse aktiv verarbeiten

Manche Kindheitsängste, etwa vor Dunkelheit, können durch Medieninhalte verstärkt oder aktiviert werden. So beschreibt die zehnjährige Carlotta: »Mein Zimmer ist halt sehr eckig. Also da sind viele Ecken. Und eben dann denk ich mir manchmal, jetzt kommen die Mörder da raus.« Zuvor hatte sie mit ihrem Vater eine Nachrichtensendung gesehen, in der es um einen Mordfall ging. Die Mädchen und Jungen von allem Erschreckenden fernzuhalten, ist heute so gut wie unmöglich. Unser Alltag ist von Medien durchdrungen, Bildschirminhalte sind allgegenwärtig. Entscheidend ist, dass Eltern ihren Nachwuchs bei der Verarbeitung nicht alleine lassen oder deren Verunsicherung als Quatsch abtun. Nur durch aktive Verarbeitung können die Mädchen und Jungen Schockmomente und Angstgefühle in den Griff bekommen.

Identifikation und Bewältigung

Je älter Kinder werden, desto wichtiger sind ihnen spannende Inhalte. Sie bewundern Heldenfiguren, die sich bösen Widersachern stellen und bedrohliche Situationen meistern. Sie identifizieren sich mit den Heldinnen und Helden, durchleben die Gefahrensituationen und können sich am Ende bestärkt fühlen. Leider werden aber auch viele Inhalte, die sich eigentlich an Jugendliche oder Erwachsene richten, den Jüngsten schmackhaft gemacht, zum Beispiel Filmreihen wie Star Wars, Avengers oder Herr der Ringe. Mit Spielzeug, Lego-Games und Figürchen in Überraschungseiern wird die Neugier geweckt. Damit sind Konflikte in der Familie vorprogrammiert, denn für Kindergarten und Grundschulkinder sind diese Heldengeschichten nicht geeignet.

Momo

... ist eine erfundene Figur, die ursprünglich als WhatsApp-Kettenbrief in Erscheinung trat. In den Kettenbriefen wurden Kinder und Jugendliche mit der gruseligen Momo-Gestalt erschreckt und unter Todesdrohungen zum Weiterleiten gezwungen.

YouTube & Social Media

Auf YouTube können Kinder ohne es zu wollen mit verstörenden Inhalten in Berührung kommen. In letzter Zeit haben vor allem Internetphänomene wie »Momo« für Diskussionen gesorgt. »Das sind Videos auf YouTube und die machen mir Angst, weil die hat so große Augen und nen riesen Mund«, erzählt die zehnjährige Evita. »Momo« und der »Game Master« sind eine Zeit lang durch sämtliche Social-Media- Kanäle gegeistert.

 

Game Master

... ist ein maskierter Unbekannter, der YouTuber vor Aufgaben stellt. Was in manchen Videos als harmloses Rätselraten dargestellt wird, kann zum unheimlichen Katz-und-Maus-Spiel werden. Dass dies nur inszeniert ist, fällt Kindern schwer zu durchschauen: Der »Game Master« scheint sich in die Kanäle der YouTuber einzuhacken, in ihr Zuhause einzudringen oder sie sogar körperlich anzugreifen.

Bei Kindern beliebte YouTuber wie Alles Ava, PrankBrosTV oder Rebekah Wing nutzen solche Trends und bauen sie in ihre Videos ein, um hohe Klickzahlen zu erreichen. Leider nehmen ihre jungen Follower vieles für bare Münze, wenn ihre Vorbilder so tun, als gäbe es die Horrorgestalten wirklich. Manche fürchten sogar, dass »Momo« oder der »Game Master« zu ihnen nach Hause kommen. Dem zehnjährigen Sebastian macht das Angst: »Weil die wissen dann, wo du wohnst und so. Die sagen ›Ich weiß, dass du in der und der Straße wohnst, was deine Telefonnummer ist und ich komm mal zu dir‹.«

 

Was Kinder brauchen

Kinder brauchen kindgerechte Angebote, die sie anregen und Themen ansprechen, die ihnen wichtig sind. Auch Spannung und das Überwinden von Ängsten gehören dazu (siehe Kasten »Filmtipps«). Um mit Schreckmomenten fertig zu werden, sind die Mädchen und Jungen vor allem auf verständnisvolle Zuhörer angewiesen. Auf keinen Fall sollte man Kindern Vorwürfe machen oder sie bestrafen. Denn dann besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr über beklemmende Situationen und Erfahrungen sprechen. Diese unverarbeiteten Medienerlebnisse sind besonders belastend. »Weil wenn man diese Angst oder diese Gefühle einfach untergräbt, geht’s einem meistens immer schlecht, weil man nicht die Wahrheit sagen kann«, meint die zehnjährige Maria. Auch für die elfjährige Marlene ist es wichtig, mit anderen über Schreckmomente in den Medien reden zu können: »Ich hab dann das Gefühl, dass mir jemand anderes einen Teil der Last weggenommen hat.«

Viele Kinder reizt es, ihre Grenzen auszutesten. Sie suchen Spannung und Nervenkitzel, manchmal auch jenseits des Erlaubten. Der Gruppendruck innerhalb der Klasse oder des Freundeskreises kann ein Übriges tun. Wenn Gleichaltrige schockierende Videos teilen oder YouTuber mit den Ängsten ihrer Follower spielen, kommen Kinder an ihre Grenzen. Entscheidend ist, dass sie gelernt haben, sich mit dieser Überforderung an Bezugspersonen zu wenden.

 

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