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„Tatort Internet“ jagt potenzielle Sexualstraftäter

19. Oktober 2010

Seit knapp zwei Wochen sorgt ein neues Doku-Format auf RTL II für hitzige Debatten: In Tatort Internet werden potenzielle Sexualstraftäter in fingierten Treffen vor laufender Kamera bloß gestellt. Es geht um Männer, die sich in anonymen Chaträumen an Kinder heranmachen, um sie in der Realität zu missbrauchen. Das Format will aufrütteln und verfolgt ein konkretes Ziel: Es soll ein Gesetz auf den Weg gebracht werden, wonach das sogenannte „Grooming“ – also die Anbahnung von sexuellen Kontakten mit Minderjährigen im Internet – unter Strafe gestellt wird. Das Anliegen ist ehrenwert, die Umsetzung dagegen äußerst fragwürdig: Die Inszenierung folgt den Regeln einschlägiger Reality-Doku-Soaps. Die Jagd nach potenziellen Kinderschändern wird mit schnellen Schnitten, dramatischer Stimme aus dem Off und düster-bedrohlicher Musikuntermalung in Szene gesetzt. Die Journalistin Beate Krafft-Schöning und ihr Team wollen in Online-Chats der Pädophilie Verdächtige aufspüren und bahnen dort Kontakte an. Ein weiblicher Lockvogel, die sich als 13-Jährige ausgibt, stimmt nach dem Kennenlernen im Chat einem Treffen mit einem offensichtlich wesentlich älteren Mann zu, dies wird mit versteckter Kamera und Aufnahmegeräten dokumentiert. Während das Treffen in vollem Gange ist, greift Krafft-Schöning ins Geschehen ein, und konfrontiert die potenziellen Täter vor laufender Kamera mit den Chat-Protokollen. Das Aussehen der Männer, deren Autokennzeichen und weitere Merkmale werden durch einen Pixelfilter unkenntlich gemacht. Laut Berichten im Internet ist es jedoch möglich, durch Details, die im Beitrag genannt werden, im sozialen Umfeld oder mittels einer Internet-Recherche die Männer zu identifizieren. Was dies für die Betroffenen heißen kann – egal ob sie sich tatsächlich eines strafrechtlichen Vergehens schuldig gemacht haben oder nicht – dürfte klar sein: Mit Verunglimpfung oder Schlimmerem ist zu rechnen. Ob hier von Seiten des Senders rechtsstaatliche Grundsätze verletzt wurden, wird von den verantwortlichen Stellen zu prüfen sein.

In der ersten Folge von Tatort Internet kam auch ein Missbrauchsopfer zu Wort: Die zwölfjährige Mandy berichtet, wie sie Opfer sexueller Gewalt wurde. Es fällt ihr sichtbar schwer, sich vor laufender Kamera zum Geschehen zu äußern – im Gegensatz zu den potenziellen Sexualstraftätern wurde ihr Gesicht nicht unkenntlich gemacht. Was vor Gericht selbstverständlich wäre, nämlich die Opfer vor der Öffentlichkeit zu schützen, ist hier versäumt worden.
 
Die ersten beiden Folgen von Tatort Internet wurden um 20.15 Uhr ausgestrahlt, zu einer Zeit, wo auch Kinder vor dem Fernseher sitzen. Manche Eltern könnten auf die Idee kommen, ihren Kindern Tatort Internet zur Abschreckung vorzuführen. Aus Sicht von FLIMMO ist das keine gute Idee. Die dramatische Inszenierung einer realen Gefahr in sehr reißerischer Form kann Mädchen und Jungen nachhaltig ängstigen und verunsichern. Die auf Gefahren und nicht auf Handlungsmöglichkeiten fixierte Darstellung einer gefahrvollen Welt, in der Sexualstraftäter hinter jeder Ecke und jedem Mausklick lauern, kann einem verzerrten, angstvollen Weltbild Vorschub leisten.
 
Stattdessen wären fundierte Informationen für Kinder und Eltern hilfreich, wie man Kinder stärken kann, um nicht Opfer von Gewalt zu werden. In erster Linie geht es darum, den Mädchen und Jungen Strategien und Wissen an die Hand zu geben, wie man sich in der Realität gegen Übergriffen zur Wehr setzen kann. Sei es im sozialen Umfeld, auf dem Schulweg oder anderswo. In zweiter Linie muss es selbstverständlich auch um die Risiken des Internets gehen. Dazu gehört das Bewusstsein, dass sich Pädophile im Netz auf die Suche nach Opfern machen. Darüber hinaus sollten Kinder generell einen kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet lernen. Hilfreich wären zum Beispiel Informationen, welche Chats für Kinder sicher sind, wie z.B. Seitenstark, oder Hinweise auf fundiertes Material zum Thema wie von Klicktipps oder dem Internet-ABC. Stattdessen wird eine sensationslüsterne Hetzjagd auf vermeintliche oder tatsächliche Pädophile inszeniert, die Ängste schürt und eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema konterkariert. Und letztendlich mit Ängsten und Ekel Quote gemacht.

 

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